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Newsletter Nr. 52 vom 15. März 2026

Ehrlich währt am wenigsten?

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor zehn Jahren war »postfaktisch« das Wort des Jahres. Es drückte – akademisch verdruckst – unter anderem auch die Verblüffung darüber aus, dass Lügen erfolgreich sein können, dass Lügen funktionieren, dass sich Lügen rentieren. Rückblickend war die Wahl zum Wort des Jahres sogar noch ein hoffnungsvoller Reflex. Einer, der echte Verwunderung ausdrückte darüber, dass immer mehr Menschen Fakten egal zu sein schienen und Wahrheit nur noch als höchstpersönliche akzeptabel war. Es war die Zeit, in der die Washington Post noch die Lügen des US-Präsidenten zählte (30573 in der ersten Amtszeit von Herrn Trump) und in Talkshows der Begriff der »alternativen Fakten« mit gerümpfter Nase diskutiert wurde. Es war die Zeit, in der Techgiganten wie Google, Meta (Facebook, Instagram, Whatsapp) oder Twitter/X viel Geld in Faktenchecker-Initiativen steckten, aus Sorge, die auf ihren Plattformen verbreiteten Lügen könnten das Geschäft gefährden. 

Und heute? Sind wir einen Schritt weiter. »Postfaktisch« klingt mittlerweile zu angestaubt und unterkomplex – zu harmlos. Die Washington Post wird von ihrem Eigentümer, Amazon-Boss Jeff Bezos, inzwischen quasi abgewickelt – und zählt keine präsidialen Lügen mehr; die Techgiganten haben ihre Faktenchecker-Initiativen eingedampft und setzen wie die US-Regierung auf die Verteidigung der »Redefreiheit«. Und in den Talkshows wird mit ernstem Gesicht darüber diskutiert, wie man sich auf »neue Realitäten« am besten einstellen kann. Die Lüge scheint niemanden mehr zu schockieren, sondern nur noch zu ermüden.

Hat das Konsequenzen? Klar hat es das. Das gesellschaftliche Vertrauen bröckelt nachweislich, was den Demokratiefeinden in die Hände spielt. Die Furcht vor Manipulation ist groß. Aber: Anders als vielleicht erwartet, verurteilen wir die Lüge moralisch immer noch genauso streng wie früher. Das zeigen aktuelle Studien. Die Lüge ist also keineswegs salonfähig geworden. Doch wir leben in und mit einer digitalen Infrastruktur, die uns ständig dazu verleitet, sie zu nutzen oder ihr ausgesetzt zu sein – mit all ihrer Möglichkeit zur Desinformation, zur oft genug nicht geahndeten Lüge. Was das für Folgen hat, wollen wir in diesem Newsletter in unserem Kurzinterview mit einem Kommunikationsexperten klären.

Die wahrscheinlich herausforderndere Frage aber ist: Wie halten wir es selbst mit der Wahrheit, wenn das gesellschaftliche Vertrauen erodiert? Wenn wir erleben, wie gut und wie anscheinend unbehelligt man mit Lügen durchkommt? Und überhaupt: Gibt es da nicht Graubereiche, die es zu nutzen gilt, damit wir auch ein bisschen besser dastehen? Mal ganz abgesehen von der »beschützenden« Lüge, der Notlüge …

Wir wollen mit diesem Newsletter Denkanstöße liefern, wie wir uns in dieser Zeit mit unseren Wertvorstellungen verorten können. Einer Zeit, in der das Lügen zwar nicht akzeptierter, aber sehr viel einfacher ist. Schreiben Sie uns, wenn Sie mögen! 

SAGEN SIE MAL, HERR WOLF ...

»WEM KÖNNEN WIR

EIGENTLICH NOCH GLAUBEN?«

Es geht nicht um die einzelne Lüge, sagt Faktenchecker Andre Wolf: Desinformation will uns vor allem überfordern – bis wir an allem zu zweifeln beginnen.

Haben wir uns als Gesellschaft an die Lüge gewöhnt?
Andre Wolf: Ich glaube nicht, dass es einen ganz speziellen Gewöhnungseffekt gegeben hat. Gesellschaftlich wurde immer schon gelogen, um zu manipulieren. Das ist nichts Neues. Neu ist das Level, auf dem das heute stattfindet. Dass eine Lüge oder besser gesagt eine Desinformation eine so enorme Reichweite entwickeln kann, gab es früher in dieser Form nicht. Die Geschwindigkeit und die massive Reichweite, die soziale Netzwerke heute ermöglichen, sind qualitativ etwas anderes. Desinformation kann sich heute in Minuten verbreiten, millionenfach geteilt werden und Menschen in unterschiedlichen Ländern gleichzeitig erreichen. Dadurch entstehen immer häufiger Irritationen. Wir werden mit widersprüchlichen Informationen konfrontiert und fragen uns am Ende des Tages: Wem können wir eigentlich noch glauben? Genau das ist das Ziel von Desinformation. Es geht nicht nur darum, Menschen von einer bestimmten Lüge zu überzeugen. Es geht darum, Vertrauen insgesamt zu untergraben. Eine bekannte Strategie nennt sich »Flood the Zone with Shit«. Dahinter steckt die Idee, den öffentlichen Raum mit einer Flut aus Informationen, Halbwahrheiten, Desinformationen, Skurrilitäten und Absurditäten zu überziehen. Wenn alles gleichzeitig behauptet wird, wird Orientierung schwierig. Und wer dauerhaft überfordert ist, beginnt irgendwann, an allem zu zweifeln. Darum geht es im Kern: nicht um einzelne Lügen, sondern um die systematische Erzeugung von Verunsicherung.

Wo fängt die Lüge an, wo hört strategische Kommunikation auf?
Andre Wolf: Der Unterschied liegt aus meiner Sicht nicht im Ziel, sondern in der Methode. Strategische Kommunikation arbeitet mit Auswahl, Zuspitzung und Perspektive. Sie zeigt einen Ausschnitt der Realität, nicht die ganze Realität. Das nennt man Framing. Ich entscheide, welchen Aspekt ich betone und welchen ich weglasse. Das ist noch keine Lüge, solange das, was ich sage, faktisch korrekt ist und keine zentralen Informationen bewusst verfälscht werden. Zur Lüge wird es dort, wo ich wissentlich falsche Tatsachen behaupte oder entscheidende Fakten so verdrehe, dass
ein falscher Gesamteindruck entsteht. Wenn ich etwas erfinde, wenn ich Zahlen manipuliere, wenn ich bewusst einen Zusammenhang suggeriere, der nicht existiert, dann verlasse ich den Bereich der strategischen Kommunikation und betrete den Bereich der Desinformation. In meiner Erfahrung verschwimmen diese Grenzen jedoch oft. Gerade im digitalen Raum wird mit Emotionen gearbeitet. Angst, Wut, Empörung sind starke Treiber. Framing kann so zugespitzt sein, dass es faktisch noch nicht falsch ist, aber emotional in eine Richtung drängt, die mit nüchterner Realität wenig zu tun hat. Das ist dann vielleicht noch keine klassische Lüge, aber es ist eine bewusste Manipulation. Kommunikation ist nie vollständig neutral. Aber es gibt eine klare rote Linie: Dort, wo die Realität bewusst verfälscht wird oder wo der Zweck die Wahrheit systematisch verdrängt, sprechen wir nicht mehr von Strategie, sondern von Lüge. Und diese Grenze zu erkennen, ist heute wichtiger denn je.

Verändert sich unsere moralische Grammatik?
Andre Wolf: Die Maßstäbe selbst haben sich vielleicht weniger verändert als die Konsequenzen. Oder genauer gesagt, das Fehlen von Konsequenzen. Früher war Kommunikation stärker an
direkte soziale Rückkopplung gebunden. Wer im Wirtshaus gelogen oder jemanden diffamiert hat, musste damit rechnen, dass er unmittelbar darauf angesprochen wurde. Oder gar vielleicht schmerzhaft gleich vor Ort Konsequenzen »gespürt« hat. Zumindest gab es soziale Sanktionen. Man verlor Ansehen, Vertrauen oder Beziehungen. Heute findet ein großer Teil unserer Kommunikation digital statt. Und dort erleben wir oft, dass Desinformation, gezielte Lügen oder sogar Gesetzesverstöße kaum spürbare Folgen haben. Weder auf der Mikroebene einzelner Nutzer noch auf der Makroebene großer Akteure. Wenn jemand online manipulativ agiert, Hass verbreitet oder bewusst falsche Behauptungen streut, passiert häufig schlichtweg nichts. Inhalte
bleiben stehen, Accounts bleiben aktiv, Reichweite wächst. Diese Erfahrung verändert etwas. Denn Moral speist sich nicht nur aus Werten, sondern auch aus Konsequenzen. Wenn Handlungen folgenlos bleiben, verliert die Norm an Bindungskraft. Das kann langfristig dazu führen, dass sich das Verhalten verschiebt. Nicht unbedingt, weil Menschen plötzlich andere Werte hätten, sondern weil sie beobachten, dass Regelverstöße keine spürbaren Kosten mehr haben. Im schlimmsten Fall
entsteht eine Gewöhnung: Wenn andere lügen und nichts passiert, sinkt die Hemmschwelle, es selbst zu tun. Ich würde deshalb weniger von einem moralischen Verfall sprechen als von einem strukturellen Problem. Digitale Räume sind oft sanktionsarm organisiert. Und wo Sanktionen fehlen, verändert sich Verhalten. Wenn wir über moralische Grammatik sprechen, dann sprechen wir auch über Verantwortung, Durchsetzung von Regeln und über die Frage, ob digitale
Kommunikation wieder stärker an reale Konsequenzen gekoppelt werden muss.

Lügen sind effizient und rentabel, Wahrheit ist teuer. Wie kommt man gegen diese Logik an?
Andre Wolf: In der Logik sozialer Netzwerke steckt tatsächlich etwas Wahres in diesem Satz. Solange sich an den Verbreitungsmechanismen und Algorithmen wenig ändert, werden dramatische Aussagen, Zuspitzungen und auch Desinformation strukturell bevorteilt. Plattformen sind darauf
ausgelegt, Aufmerksamkeit zu binden. Je länger wir scrollen, klicken, kommentieren und teilen, desto erfolgreicher ist das System. Und was bindet Aufmerksamkeit besser als Empörung, Angst oder Sensation? Eine nüchterne, sachliche Einordnung ist oft weniger aufregend als eine
dramatische Behauptung. Genau deshalb sind Lügen effizient. Sie erzeugen starke Emotionen, hohe Interaktion und damit Reichweite. Wer bewusst manipulieren will, weiß das. Und Reichweite kann politisch oder wirtschaftlich sehr rentabel sein. Wie kommt man gegen diese Logik an? Kurzfristig wahrscheinlich nicht durch ein einzelnes Verbot oder eine einzelne Maßnahme. Solange das
Geschäftsmodell auf Aufmerksamkeit basiert, bleibt der strukturelle Vorteil emotionaler Inhalte bestehen. Deshalb liegt ein Teil der Antwort bei uns selbst. Wenn ich einen dramatischen Inhalt sehe, eine mögliche Desinformation oder sogar eine klare Lüge, sollte ich mir einen Moment Zeit nehmen. Der Algorithmus will, dass ich sofort reagiere. Er will meinen Klick, meinen Kommentar, meine Empörung. Auch die Desinformation will genau das: meine Aufmerksamkeit. Die eigentliche Gegenstrategie beginnt bei der Selbstkontrolle. Nicht jede Provokation verdient eine Reaktion. Nicht jeder Skandal verdient meine Interaktion. Man muss lernen, innerlich »stopp« zu sagen. Ich springe nicht über jedes Stöckchen, das mir hingehalten wird. Ich entscheide bewusst, womit ich mich beschäftige und womit nicht. Das ist kein vollständiger Systemwechsel, aber es ist ein Anfang. Wenn Aufmerksamkeit die Währung ist, dann ist bewusster Entzug von Aufmerksamkeit ein Mittel der Selbstverteidigung.

Versuchen Faktenchecker wie Sie, das lecke Boot mit einem Teelöffel wieder flott zu kriegen? Es strömt doch immer ein Vielfaches an Lügen herein, als mit aufwendigen Recherchen widerlegt werden kann.
Andre Wolf: Ja, manchmal fühlt es sich genau so an. Es strömt tatsächlich ein Vielfaches an Falschinformationen in den digitalen Raum, als man mit sorgfältiger Recherche in derselben Geschwindigkeit widerlegen kann. Das ist Realität. Aber die eigentliche Frage ist nicht, ob wir jedes einzelne Leck stopfen können. Das können wir nicht. Die entscheidende Frage ist, welchen Zweck Faktenchecks erfüllen. Es geht nicht nur darum, eine einzelne Lüge zu korrigieren. Es geht darum, Mechanismen sichtbar zu machen. Zu erklären, wie Desinformation funktioniert, wie sie sich verbreitet und warum sie emotional so stark wirkt.

Andre Wolf ist Kommunikationsexperte und arbeitet für Mimikama, eine der bekanntesten Plattformen für Faktenchecks im deutschsprachigen Raum. 


FUNDSTÜCK

DEN TURBO FÜR DIE UNWAHRHEIT AUSPROBIEREN

Über die Flut von Fake News kann man klagen. Besser ist es aber, die Mechanismen und Anreize zu verstehen, die zu ihr geführt haben. Beim Online-Spiel »Fake It To Make It« wird genau das offengelegt, denn es simuliert, wie Falschinformationen im Internet erzeugt und verbreitet werden. Dazu werden die Spielenden in die Rolle von Betreiber:innen einer Desinformations-Homepage versetzt. Das Ziel des Spiels ist es, durch Falschinformationen Geld zu verdienen. Entwickelt wurde das Spiel von der US-amerikanischen Programmiererin Amanda Warner als Reaktion auf die zahlreichen Falschinformationen, die während des Präsidentschaftswahlkampfes 2016 im Internet kursierten. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat »Fake It To Make It« in Zusammenarbeit mit der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung ins Deutsche übersetzt. Es ist hier kostenlos im Browser spielbar. (Gefunden auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung). Fakeittomakeit Game

DER FALL

WAS HÄNSCHEN NICHT WISSEN SOLL ... 

Scham, Selbstschutz, falsch verstandene Fürsorge – es gibt viele Gründe für Familienlügen. An den Folgen leiden die Beteiligten oft ihr Leben lang.

Immer hat sich Jürgen Jacob (Name geändert) als Kind in seiner Familie einsam und fremd gefühlt. Da stand etwas zwischen ihm und den anderen, von dem er nichts wusste, aber alle anderen schon. Jahrzehntelang treibt ihn die Frage um, was denn das Problem mit ihm sein könnte. An seinem 50. Geburtstag rutscht ihm die Frage raus: »Kann es sein, dass Papa gar nicht mein Vater ist?« Endlich sagt seine Schwester: »Nein, er ist nicht dein Vater. Aber sag Mama nicht, dass du es von mir weißt.« Für Jürgen Jacob beginnt eine schmerzhafte Spurensuche nach der Wahrheit. Am Ende steht der Kontaktabbruch – und der Vorwurf der Mutter: »Du hast mich bloßgestellt.« (Mehr über den Fall lesen Sie in unserem Themenheft »Wahrheit«.)

Was denken Sie: Muss in Familien immer die Wahrheit gesagt werden?
ZUR UMFRAGE
Wenn Sie noch weitere Gedanken zu dieser Frage haben, schreiben Sie uns an newsletter@andershandeln.de.
Die Ergebnisse der Umfrage und eine Auswahl von Leser:innen-Reaktionen werden in unserem nächsten Newsletter veröffentlicht.


NACHGESCHAUT

DU SOLLST KEIN FALSCH ZEUGNIS REDEN, AUSSER ...

... wenn es darauf ankommt. Die Bibel zeichnet jedenfalls ein sehr realistisches Bild ihrer Glaubenshelden.

Dass in den Zehn Geboten vom Lügen (oder besser: dem falschen Zeugnis gegenüber meinem Nächsten) die Rede ist, ist so bekannt, dass wir darüber nicht weiter sprechen müssen. Auch an anderer Stelle wird betont, dass Gott es nicht gern sieht, wenn gelogen wird. Es heißt sogar, »ein falscher Zeuge, der frech Lügen redet« sei Gott verhasst (Sprüche 6,19). Gott selbst lügt nicht, so heißt es in Titus 1,2. Aber für uns Menschen sind Gebote manchmal leichter aufgestellt als ausgeführt. Das zeigt die biblische Realität. Bereits im Buch Genesis wird vom Erzvater Abraham berichtet, der mehrfach die Wahrheit etwas dehnt, vermeintlich um sich und seine schöne Frau Sara zu schützen. Er trägt ihr auf, auf Nachfrage des Pharaos zu behaupten, sie sei Abrahams Schwester und nicht seine Frau. Abraham fürchtet nämlich, dass man ihn andernfalls umbringen könnte, um seiner schönen Frau habhaft zu werden. Zunächst profitiert Abraham von dieser Lüge: Der Pharao nimmt Sara in seinen Harem auf und beschenkt Abraham zum Dank für seine »Schwester« mit wertvollen Tieren. Durch eine Reihe von Plagen schickt Gott dem Pharao aber die Erkenntnis, dass Sara in Wahrheit Abrahams Frau ist. Der Pharao ist aufgebracht und bittet die beiden, abzureisen (1. Mose 12). Ähnliches ereignet sich später beim König Abimelech erneut (1. Mose 20). Abraham rechtfertigt seine Lüge mit der Begründung, dass Sara ja tatsächlich seine Halbschwester sei (1. Mose 20, 12), doch sind wir ehrlich: Ist das nicht zumindest eine Unterschlagung der Wahrheit? Und so geht es munter weiter: Jakob erschleicht sich mit einer List den Erstgeburtssegen von seinem Vater Isaak (Genesis 27) und noch direkter lügt Rahab in Josua 2. Die Prostituierte versteckt zwei Kundschafter der Israeliten bei sich in Jericho und lügt die Boten des Königs an, in dem sie behauptet, die Kundschafter seien zwar bei ihr gewesen, aber später in eine unbekannte Richtung weitergezogen. In Wahrheit verhilft sie den beiden Israeliten zur Flucht. Zum Dank für diese Gefälligkeit verschonen die Israeliten Rahab und ihre Familie, als sie Jericho einnehmen. Diese Geschichten sind selbstverständlich kein Aufruf, das Lügen auf die leichte Schulter zu nehmen. Immer wieder wird betont, dass wir ehrlich miteinander sein sollen (u.a. Epheser 4,25) und die Lüge wird mit dem Teufel in Verbindung gebracht (Johannes 8,44). Doch die Bibel zeigt auch, dass selbst ihre Heldinnen und Helden oft nicht ohne Lügen oder kleine Flunkereien auskommen – was sie am Ende dann eben doch sehr menschlich macht. Linda Giering


PRO UND CONTRA

BRAUCHT ES MANCHMAL WENIGER WAHRHEIT?

Not- und Schonlüge, fürsorgliche Unwahrheit und Situationselastizität, Wahrheitsoptimierung und Gefühlsmanagement – kann im Lügen auch etwas Gutes stecken?

PRO  Die beschützende Lüge weitet Räume
Sabine Henning, AZ-Redakteurin: Stellen Sie sich einmal vor, Sie möchten Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner zum 25. Hochzeitstag einen Ring schmieden. Der Kurs findet an mehreren Abenden statt. Was sagen Sie zuhause? Die Wahrheit – und vermasseln die tolle Überraschung? Oder erzählen Sie, dass Sie an den nächsten drei Freitagabenden Freunde treffen oder eine extra Schicht im Gym einlegen? Ein anderes Beispiel: Sie finden den neuen Look Ihrer pubertierenden Tochter unvorteilhaft. Und doch sagen Sie, dass er Ihnen gefällt, denn Sie wissen, dass sie sich ausprobiert und ihre eigenen Wertmaßstäbe entwickelt. Wer sind Sie, mit Ihrer Wahrheit in diesen Findungsprozess zu grätschen? In meiner Herkunftsfamilie galt das ungeschriebene Gesetz der radikalen Ehrlichkeit. Alles kam auf den Tisch, zwischen meinen Eltern und zu uns Kindern, häufig auch ungefragt. Der Vorteil: Ich wusste immer, woran ich bin. Manchmal war das aber brutal: Ich fühlte mich in meinem jugendlichen Suchen von erwachsener Vernunft überrollt. Wir alle brauchen hin und wieder Geheimniskrämerei: Zeiten, in denen wir Facetten unserer selbst erleben und ausprobieren können, in denen wir auf dem Weg hin zu etwas Neuem sind. Dann wissen wir selbst oft nicht, wie wir etwas bewerten sollen und fragen liebe Menschen nach ihrer Meinung. Die Antwort darauf sollte aufrichtig sein, sie darf aber eben auch ins Freie führen – die beschützende Lüge weitet Räume, statt einzuengen. Voraussetzung ist allerdings, dass ich ihre Anwendung vor mir selbst begründen kann und sie kein Feigenblatt für Feigheit und Bequemlichkeit ist.  

CONTRA  Darauf vertrauen, dass der andere die Wahrheit verkraftet
Nele Beste, AZ-Volontärin: Ich möchte, dass es den Menschen, die mir wichtig sind, gut geht.
Darf ich lügen, um jemanden vor Schmerz zu bewahren? Und wird es moralischer, wenn ich diese Lüge »beschützend« nenne? Wenn mir ein Mensch so wichtig ist, dass ich ihn schützen möchte, warum halte ich ihn dann für so zerbrechlich, dass er dem Leben nicht standhält? Warum traue ich ihm nicht zu, mit Hürden umzugehen, mit Enttäuschungen, mit Wahrheiten? Und wenn ich das Gefühl habe, ich könne bei Dingen, die mich betreffen, nicht offen sein, was sagt das über meine Vorstellung von dieser Beziehung? Warum unterstelle ich dem anderen eine falsche, unerwünschte Reaktion? Und wenn er oder sie tatsächlich so reagiert, warum gebe ich den Gefühlen dieser mir wichtigen Person keinen Raum? Eine Nähe, die Wahrheit nicht aushält, ist eine fragile Nähe. Es ist so schön, jemanden so sehr zu schätzen, dass man ihn schützen möchte. Noch schöner ist es anzuerkennen: Du darfst mich sehen, wie ich bin. Und ich traue dir zu, damit umzugehen. Vielleicht ist das der eigentliche Schutz: nicht die Lüge, sondern das Vertrauen.


MEDIENTIPPS

SPÄTE WAHRHEITEN

Lügen über meine Mutter 
von Daniela Dröscher, Kiepenheuer&Witsch, Köln 2022.

Wie hat eine Frau zu sein? Und wer bestimmt das? Im Roman »Lügen über meine Mutter«, angesiedelt im ländlichen West-Deutschland der 80er-Jahre, hat die Frau, konkret die Mutter der Ich-Erzählerin, vor allem eines zu sein: schlank. Der Ehemann drängt auf Diäten: Dass die eigene Frau nicht schlank ist, ist in seinen Augen der größte Makel und zugleich Grund für seine eigene ausbleibende Beförderung und die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung. Erzählt ist diese Geschichte aus der Sicht des Kindes. Die junge Ela liebt ihre Mama. Die ständige Kritik des Vaters und die dauernde Problematisierung färben nach und nach auch auf ihre Sicht auf die Mutter und auf das Thema Körperlichkeit und Gewicht ab. Eine erwachsene Erzählstimme ordnet ein, was die Kinderfigur noch nicht erkennen kann: Wie sehr hier eine Frau vermessen und abgewogen wird. Wie eine Frau, die sich Raum nimmt, als »zu viel« bewertet wird. Und sie hinterfragt die Macht der gesellschaftlichen Bilder von Frauenkörpern. Kirsten Westhuis

She said
Ein Film von Maria Schrader, 129 Minuten, USA 2022.
Lange stand Harvey Weinstein für Glanz, Einfluss und scheinbar unangreifbare Macht in Hollywood. Für viele junge Schauspielerinnen war er ein Türöffner ins Filmgeschäft. Doch hinter verschlossenen Türen soll er über Jahrzehnte hinweg Frauen sexuell und emotional missbraucht haben. Zwei Journalistinnen der New York Times deckten 2017 den strukturellen Machtmissbrauch auf. Stück für Stück brach das sorgfältig aufgebaute Lügengerüst zusammen. 2020 wurde Weinstein zu 39 Jahren Haft verurteilt. In dieser Zeit formierte sich weltweit die #MeToo-Bewegung – als kollektive Stimme, die Betroffenen Gehör verschaffte. Der Film basiert auf dem Buch der beiden Reporterinnen Jodi Kantor und Megan Twohey. Nele Beste

UND DANN ...
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Als Reaktion auf unseren Februar-Newsletter »Raus aus der Ohnmacht« hat uns unter anderem der Leserbrief von Sandra Kugler erreicht, in dem sie an die große Hilfsbereitschaft und Solidarität nach der Flutkatastrophe 2021 erinnert:
Ich habe das hier in Rudersberg auch so erlebt, als die Flutkatastrophe war. Das Erste war, morgens auf der Straße die Nachbarn zu sehen. Dass alle noch da waren. Ein Wunder. Was sie zuerst konkret brauchten, waren Stiefel und Kaffee... Beides konnten wir organisieren. Und dann alle zusammen Schlamm schaufeln! Es stellten sich eigentlich gar nicht so viele Fragen – es war eine Schicksalsverbindung von Herz zu Herz und Mensch zu Mensch. 
 
Bei der Umfrage im Februar-Newsletter (»Würden Sie erwarten, dass in einer Krisensituation in Ihrem Umfeld die Menschen einander helfen und zusammenrücken?«) gab es folgende Ergebnisse:
63,5 Prozent: »Ja, selbstverständlich.«
1 Prozent: »Nein, in der Not ist sich jeder selbst der Nächste.«
35,3 Prozent: »Eigentlich ja, aber ich würde mich darauf nicht verlassen.«
0,2 Prozent: »Weiß nicht.«
(Teilnehmende: 669)

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Die nächste Ausgabe erscheint am Sonntag, 19. April 2026.

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Redaktion: Ulrike Berg, Nele Beste, Linda Giering, Sabine Henning, Iris Macke (Gesamtverantwortung), Axel Reimann (Projektleitung), Kirsten Westhuis
Gestaltung: Jennifer van Rooyen
Illustration/Karikatur: Sarah Matuszewski
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