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Newsletter Nr. 53 vom 19. April 2026

Was bleibt von Ostern, wenn Ostern vorbei ist?

Liebe Leserin, lieber Leser,

nein, wir haben nicht die falsche Ausgabe dieses Newsletters versendet. Und auch Sie haben sich nicht vertan. Das ist schon die Ausgabe vom 19. April 2026 – also zwei Wochen nach Ostern. Kirchenjahr-Connaisseure und andere rudimentär christlich sozialisierte Zeitgenoss:innen nicken jetzt wissend: Offiziell ist ja noch »österliche Freudenzeit« (bis Pfingsten) – da kann man theoretisch noch ein paar Worte über Ostern verlieren. Vielleicht ist jetzt sogar die beste Zeit dafür, jetzt, da Schokohasen und bemalte Eier, Ostereinkäufe und Familienbesuche, Feiertagsprogramm und Essenspläne nicht mehr unsere volle Aufmerksamkeit benötigen. Jetzt, da das »größte Fest der Christenheit« für dieses Jahr abgehakt und Jesus wieder mal auferstanden ist. Jetzt kann man sich nüchtern und unverkitscht der Frage stellen: Was bleibt? 

Da gibt es – ganz grob gesprochen – drei Antwortmöglichkeiten: die zynische, die verklärte und die geschenkte. Sie alle haben Vor- und Nachteile, Stärken und Schwächen, und sie sind unterschiedlich attraktiv. Trotzdem sollte man den Wert dieser Antworten nicht daran messen, wie viel sie zum eigenen Wohlbefinden beitragen. (100 Euro minus 100 Euro ergeben nicht 50 Euro – auch wenn einem diese Zahl deutlich besser gefallen würde).

Was also bleibt von Ostern, wenn Ostern vorbei ist? Die zynische Antwort – gern auch als die »realistische« oder »illusionslose« Haltung vertreten – lautet: »Es bleibt doch alles, wie es immer schon war«. Hass und Gewalt, Kriege und Ungerechtigkeit, Krankheit und Tod. Daran hat sich auch mit der Auferstehung (oder mit der jährlichen Erinnerung an sie) nichts geändert. Die zynische Antwort beschreibt tatsächlich die Realität, sie ist folgerichtig und enttäuschungsarm, das macht sie so attraktiv – aber sie ist blind für die ganze Wahrheit, deren Besitz sie jedoch für sich reklamiert. Die zynische Antwort muss Frieden und Gerechtigkeit, Liebe und Hoffnung als romantische Ideale abtun – und alle Schritte und Zeichen, die Menschen in diese Richtung setzen, jedes positive Trotzdem, jedes zuversichtliche Vertrauen als letztlich sinnlose Zeitverschwendung ansehen. Als statistisch unerhebliche Ausreißer vom immer gleichen (negativen) Erwartungswert des Lebens. 

Ganz anders und doch sehr ähnlich ist die zweite Antwortmöglichkeit auf die Frage, was nach Ostern von Ostern bleibt. Die verklärte (oder verklärende) Antwort macht Ostern zu einem ganz persönlichen Selbstvergewisserungsfest der eigenen Frömmigkeit. Mein Jesus, meine Osterkerze, mein warmer Gedanke im Herzen. Lass mich in Ruhe mit der Welt da draußen! Hör mir auf mit den Schreien nach Gerechtigkeit! Ostern – das ist religiöse Eiersuche nur im eigenen Nest. Auferstehung? Ein Angebot zur individualistischen Stimmungsaufhellung. Österliche Freudenzeit? Eine Gelegenheit zum Feintuning der inneren Balance. Und was sonst so von Ostern bleibt? Selbstfindung. 

Bleibt die dritte Antwortmöglichkeit – die geschenkte. Machen wir’s kurz: Das ist die richtige. Aber so einfach ist es nicht. (Das merkt man schon daran, dass »geschenkte Antwort« eine spannungsreiche Wortkombination ist.) Die geschenkte Antwort lautet: »Ostern bleibt als Hoffnung, die nicht aus mir kommt, sondern mich findet.« Eine Hoffnung, die die Augen nicht vor der Realität verschließt, aber Raum für das Überraschende, das Unerwartete, das Trotzdem lässt. Die Ambivalenzen aushält – und die nicht produzierbar oder planbar ist. Auferstehung geschieht heute oder morgen oder irgendwann. Die geschenkte Antwort ist ergebnisoffener: Die zynische Antwort weiß, dass alles schlecht bleibt. Und bei der verklärten Antwort hängt die Hoffnung von der persönlichen Stimmung ab. Die geschenkte Antwort ist auch erkenntnistheoretisch stabiler, denn sie bildet mehr Wirklichkeit ab als die anderen beiden Antwortmöglichkeiten – sie betreibt weder Weltverdrängung noch Weltverzweiflung.   

Was bleibt bei Ihnen von Ostern, wenn Ostern vorbei ist? Eierschalenreste unter dem Sofa, ansteckende Osterfreude, eine Hoffnung, die die Welt heller macht? Schreiben Sie uns, wenn Sie mögen. In diesem Newsletter jedenfalls geht es um Hoffnung. Also irgendwie auch um Ostern.

PS: Für unser nächstes, im September erscheinendes Themenheft »Übergänge« starten wir eine besondere Leseraktion: Welche Übergangsrituale begleiten Sie?
Wir suchen kurze Beschreibungen Ihrer persönlichen Rituale – kleine Handlungen, vertraute Traditionen oder gestenreiche Momente, die Ihnen helfen, Abschiede, Neubeginne oder Übergangszeiten zu gestalten. Gern können Sie auch ein eigenes Foto mitschicken.
Senden Sie uns Ihr Ritual an redaktion@andershandeln.de. Eine Auswahl präsentieren wir in Anders Handeln 3/26 »Übergänge«.

SAGEN SIE MAL, HERR MAIO ...

»DIE KOSTBARKEIT DES SELBSTVERSTÄNDLICHEN NEU ENTDECKEN«

Wie gehen wir mit der Zerbrechlichkeit des Lebens um? Der Medizinethiker Giovanni Maio warnt davor, Leid zu bagatellisieren – und zeigt zugleich, wo Hoffnung wachsen kann.

Wie kann Hoffnung im Umgang mit lebensbedrohlichen Erkrankungen und dem Tod aussehen? 
Giovanni Maio: Man muss zwischen zwei unterschiedlichen Hoffnungen unterscheiden: das Hoffen, dass etwas geschieht und das Hoffendsein. Das erste ist eher gegenständlich: Wir hoffen auf etwas ganz Bestimmtes, aber die echte Hoffnung ist eine Gestimmtheit, eine innere Einstellung zur Zukunft. Wenn ich hoffend bin, bin ich bereit, mich auf die Zukunft einzulassen. Ich weiß, dass sie widrig sein kann. Aber selbst für diesen Fall habe ich die innere Überzeugung, dass auch das Widrige bewältigbar bleiben wird.

Was entdecken Menschen durch dieses »Hoffendsein«?
Giovanni Maio: Menschen in Krisensituationen ordnen ihr Leben neu und werden sensibler für die tiefen Schichten des Lebens. Es ist sehr häufig, dass sie die Kostbarkeit des bisher so scheinbar Selbstverständlichen entdecken, wie die Begegnung mit anderen oder mit der Natur. Zu dieser Kostbarkeit gehört auch eine neue Form des Staunenkönnens.

Was können Ärzte und vielleicht auch sogar das Umfeld tun, um das zu ermöglichen?
Giovanni Maio: Indem sie diesen Menschen ernstnehmen und realisieren: Bis zum letzten Atemzug hat er oder sie uns etwas zu sagen. Wir alle können nur Lebenssinn empfinden, wenn wir wissen, dass wir in Beziehungen eingebettet sind, in geteilte Ideen und Ideale. Wir müssen diesen Menschen vermitteln, dass sie nicht aus der Gemeinschaft herausfallen. Wir brauchen Sorgekulturen. Dort, wo sich Kulturen der Sorge entwickeln konnten und Wirklichkeit geworden sind, verzweifeln die Menschen nicht. Eingebettet in Kulturen der Sorge spüren sie, dass all das Widrige, was sie jetzt zu erleben haben, von anderen geteilt und mitgetragen wird. 

Ist die Ostergeschichte − also dieser Weg durch Leid, Schmerz, Gewalt bis hin zur Überwindung des Todes − auch so eine Durchgangsgeschichte, die Trost spenden kann?
Giovanni Maio: So sehr das Leiden zum Leben gehören mag, es darf nicht bagatellisiert oder normalisiert werden. Wir haben den Auftrag, bestehendes Leid zu lindern und zukünftiges Leid zu verhindern. Was aber nicht passieren darf, ist, dass man meint, wenn ich leide, habe ich die Chance auf ein gutes Leben verwirkt. Das Leiden nimmt vom Menschen Besitz, aber der Mensch hat, sofern er von anderen verstanden und unterstützt wird, eine Möglichkeit, am Leiden nicht zu zerbrechen. Durch das Verbundensein mit anderen kann das Leiden nicht abgeschafft, aber das Leiden am Leiden doch gelindert werden. Das Leiden kann den Menschen verzweifeln lassen. Gleichzeitig kann es aber bei guter Begleitung der Durchbruch zu einem neuen Lebenskonzept sein. Menschen können an den widrigen Erfahrungen wachsen. Aber das geschieht nicht einfach so. Sie brauchen dafür Unterstützung und Verständnis.

Giovanni Maio ist Mediziner, Philosoph und Professor für Medizinethik in Freiburg im Breisgau. Sein aktuelles Buch beschäftigt sich mit dem »Zuhören«.


FUNDSTÜCK

UND PLÖTZLICH INTERESSIERT AUFERSTEHUNG SOGAR IM HERBST

Wenn man das Google‑Interesse am Wort »Auferstehung« über mehrere Jahre verfolgt, entsteht ein erstaunlich verlässliches Muster: einmal im Jahr ein senkrechter Ausschlag nach oben – Ostern – und danach fast zwölf Monate lang digitale Stille. Das Schaubild wirkt wie das EKG eines Begriffs, der nur an einem einzigen Wochenende Herzschlag hat. Die Grundlinie bleibt niedrig, kaum höher als ein Alltagsrauschen. Nichts steigt, nichts trendet, nichts baut sich über die Jahre hinweg auf. »Auferstehung« ist kein wachsendes Thema, kein schwelendes Interesse, keine stille Langzeitsehnsucht der Suchmaschinen. Es ist ein reiner Saisonbegriff, zuverlässig wie der Frühlingsanfang und genauso schnell wieder verschwunden. 2025 zeigte dagegen mehrere kleine Ausschläge jenseits des üblichen Osterpeaks. Warum, das lässt sich nicht eindeutig festmachen – vermutlich kam einfach einiges zusammen: unter anderem ein Bestseller-Roman mit diesem Titel. Sicher ist nur, dass das Wort im vergangenen Jahr öfter gesucht wurde als sonst. (Bild: eigene Grafik, Quelle: Google Trends). google trends websuche Auferstehung

DER FALL

JENSEITS VON KARFREITAG 

Das Good Friday Agreement für Nordirland hat die Tochter eines Anschlagsopfers ins Gespräch mit dem Täter gebracht. Seither wirbt sie gemeinsam mit ihm für den Frieden. Vergeben hat sie ihm nicht.

Es war Oktober 1984, als in einem Hotel im englischen Brighton eine Bombe der Irish Republican Army (IRA) explodierte. Ihr Ziel war die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher, die zu einer Tagung dort war. Thatcher wurde verfehlt, doch fünf andere Menschen starben, darunter Antony Berry, ein Abgeordneter der konservativen Partei. Er hinterließ eine 27-jährige Tochter, Jo Berry. Im Nachgang der Tat wird das IRA-Mitglied Patrick Magee für die Tat verantwortlich gemacht und zu mindestens 35 Jahren Haft verurteilt. Doch bereits 1999 wird Magee frühzeitig im Rahmen des Good Friday Agreements entlassen, ein politisch umstrittener Schritt. Jo Berry war über diese Nachricht zunächst entsetzt. Doch dann fasste sie den Entschluss, Patrick Magee kennenzulernen. Sie wollte verstehen, was ihn zu der Tat bewogen hat, die ihren Vater tötete. Im Jahr 2000 trafen sich die beiden das erste Mal, sprachen mehrere Stunden. Beide erlebten das Treffen anders, als sie erwartet hatten. Jo Berry sagte hinterher gegenüber dem Nachrichtensender BBC: »Ich sah einen Menschen, nicht das Monster, das ich erwartet hatte.« Und Patrick Magee erklärte: »Ihr Zuhören erschütterte mich.« Seitdem haben sich Berry und Magee mehrere Hundert Mal getroffen und traten gemeinsam in Schulen, Dialogforen, Opfergruppen und bei Friedenskonferenzen auf. Patrick Magee hat sich entschuldigt und in Interviews erklärt, dass er seine Tat früher für politisch gerechtfertigt hielt, aber unter anderem durch den Kontakt mit Jo Berry erkannt hat, welche persönlichen Konsequenzen sein Handeln hatte. Jo Berry wiederum äußerte nie, dass sie die Tat verzeiht oder entschuldigt. Aber sie hat sich dazu entschieden, den Frieden zu leben.

Was meinen Sie: Kann Frieden ohne Vergebung funktionieren?
ZUR UMFRAGE
Wenn Sie noch weitere Gedanken zu dieser Frage haben, schreiben Sie uns an newsletter@andershandeln.de.
Die Ergebnisse der Umfrage und eine Auswahl von Leser:innen-Reaktionen werden in unserem nächsten Newsletter veröffentlicht.


NACHGESCHAUT

DER ANFANG NACH DEM ANFANG

Die biblischen Texte weisen auch auf ein Weiterwirken der Auferstehung im Leben heute hin.

Was von Ostern bleibt, wenn Ostern vorbei ist? Was für eine unbiblische Frage! Und die Antwort liefert bereits der älteste liturgische Gesang in deutscher Sprache: »Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen!« Alles weitere ist aus biblischer Sicht unter dieser Prämisse zu betrachten. Wie aber wirkt Ostern konkret weiter? Zunächst ist es in der Bibel kein Ereignis, das mit der Auferstehung endet. Es ist ein Anfang, Christus ist ein »Erstling«, der Beginn von etwas, das weitergeht (1. Korinther 15,20-22). Die Evangelien erzählen, dass der auferstandene Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern immer wieder begegnet: auf dem Weg (Lukas 24,13-35), am See (Johannes 21,1-14), im Zweifel (Johannes 20, 19-29), in der Trauer (Johannes 20,11-18). Jesus geht weiter mit, in allen Lebenslagen. Und am Ende des Matthäusevangeliums verspricht er: »Ich bin bei euch alle Tage.« Nicht nur am Ostermorgen.
Und was ist zu tun mit all dieser Kraft und Begleitung, mit einem Jesus im Rücken? Rausgehen! Weitersagen! »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!« (Johannes 20,21). Osterhoffnung wird sichtbar in Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld mit- und untereinander (Kolosser 3,12-14). »Wir sind Botschafter an Christi statt.« (2. Korinther 5,20) Was bleibt also von Ostern, wenn die Feiertage vorbei sind? Es bleiben Menschen, die dem Alltag mit einer neuen Perspektive begegnen. Mit einem anderen Blick, einem anderen Ton – und im besten Fall einem anderen Handeln. Iris Macke


PRO UND CONTRA

IST HOFFNUNG EGOISTISCH?

Sie ist Versprechen für morgen und Schutzschild fürs Ich. Aber geht es bei der Hoffnung vor allem darum, was sie einem selbst bringt?

PRO  Ausgangshaltung für den Eigennutz
Sabine Henning, AZ-Redakteurin: Wer sich egoistisch verhält, achtet vor allem darauf, dass es ihm oder ihr nützt. Und Hoffnung nützt mir. Sie gibt mir das Gefühl, dass ich mich nicht in einer Sackgasse befinde, sondern es einen oder mehrere Auswege gibt, die ich verfolgen kann. Ich kann mir das Gefühl der Hoffnung zu eigen machen und danach handeln. Sagen wir, ich bin Tech-Milliardär und möchte nicht akzeptieren, dass auch ich sterben muss. Ich habe die Hoffnung, dass ich mithilfe von Technik unendlich weiterleben kann. Ich habe auch die Mittel, um Forschungen in dieser Richtung zu finanzieren. Ich nutze Hoffnung als Ausgangshaltung, um meine Ziele zu verfolgen. »Egoismus« ganz ohne Wertung betrachtet kann aber auch Selbstliebe oder Eigenverantwortlichkeit bedeuten. Und auch dann ist Hoffnung zuerst auf mein Selbst bezogen: Sie lässt mich aufatmen, denken, dass es trotz widrigster Umstände schon eine Lösung geben wird. Die Selbstliebe weiß auch, dass sie nur in Beziehungen gut aufgehoben ist. Sie hat die Hoffnung, im Gegenüber immer wieder Wohlwollen zu vermuten. »Hoffnung ist ein durch und durch dialogischer Prozess«, schreibt der Medizinethiker Giovanni Maio. Zu diesem Prozess zählen für mich auch innere Dialoge, Selbstbefragung und -reflexion. Hoffnung gehört zur Grundausstattung des Menschen, sie dient am Ende der Selbsterhaltung und ist insofern (selbst-)liebevoll – oder, um es plakativ auszudrücken »egoistisch«. Daher ist es existenziell, die eigene Hoffnungshaltung zu nähren und zu realisieren, dass viel mehr Menschen eine solche teilen, als es in einer Welt mächtiger Auto- und Technokraten gerade den Anschein hat.  

CONTRA  Hoffen heißt leben
Axel Reimann, AZ-Redakteur: Ich weiß gar nicht, wo ich bei dieser Frage hin soll mit meiner Unzufriedenheit. Denn da haben wir als Redaktion sehr wahrscheinlich einen Popanz aufgebaut mit der Diskussion um die »egoistische Hoffnung«, einen Schaukampf ohne Wert. Wir dekonstruieren einen normalerweise positiv besetzten Begriff eine Rubrik lang, nämlich den der Hoffnung, liefern Argumente für und gegen den Egoismus-Verdacht, qualifizieren in gute und schlechte Ausprägungen der Hoffnung – um was genau damit zu sagen? Richtig ist: Hoffnung nutzt in der Regel zuerst und zuvörderst dem- oder derjenigen, der oder die sie in sich trägt. Das gilt selbst für all diejenigen, deren Hoffnung das eigene kleine Dasein übersteigt, die noch für die Welt, die kommenden Generationen, die Menschheit hoffen können. Denn auch diese »selbstlose Hoffnung« bedient in Wirklichkeit die ganz persönliche Bedürfnisstruktur des Hoffenden – es hofft immer ein Ich. Die Hoffnung ist aber deshalb nicht per se egoistisch. Hoffen ist wie essen: Man kann das Falsche hoffen, zu viel oder zu wenig hoffen, man kann Hoffnung teilen oder nur für sich behalten. Aber eines kann man nicht: Ohne Hoffnung leben. Wie genau diese Hoffnung aussieht, ist eine persönliche Entscheidung, aber die Antwort ist deshalb nicht beliebig, nicht privat. Was ist tragfähige Hoffnung in diesen Zeiten, was egoistisch oder illusorisch? Darüber ins Gespräch zu kommen, kann Leben, Geschichten und die Welt verändern. »Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.« (1.Petrus 3,15) Vielleicht tun wir genau dies zu selten. Vielleicht ist die Frage nach der egoistischen Hoffnung doch nicht so schlecht.


BUCHTIPPS

HERZGEFERTIGT, HANDGEMACHT  

Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen
von Julien Gupta (Hrsg.), Oekom Verlag, München 2026.
Warum sind wir oft so müde? So schwarzseherisch? Vertrocknet das zarte Pflänzchen Hoffnung oder sehen wir zu, wie es niedergetrampelt wird, weil die Kraft aufzubegehren schwindet? Herausgeber Julian Gupta und zwölf weitere Autor:innen von Cornelia Funke bis Raúl Krauthausen und Gilda Sahebi belegen das Gegenteil. Hoffnung hat so viele Facetten. All ihnen ist gemein, dass sie Hoffnung als etwas Aktives beschreiben: »Sie ist weder on oder off, sondern hirngesponnen, herzgefertigt und handgemacht«, so Klimajournalist Gupta. Zuversicht können wir uns jeden Tag aufs Neue erarbeiten. Und es gibt viele Gründe dafür, auch wenn unser Gehirn angesichts der Weltlage Alarm signalisiert – weil es fürs Überleben gemacht ist und nicht fürs Glücklichsein. Bestseller-Autorin Cornelia Funke schildert, wie man Angst in Vorsicht umwandeln kann und warum Dankbarkeit eine Veränderungskraft ist. Schriftsteller Marc-Uwe Kling berichtet von Bürgermeistern in kleinen Ortschaften, die die AfD zurückdrängen konnten. Dass uns mehr eint als uns trennt und sich unsere Gesellschaft über Pendelbewegungen zum Besseren entwickelt hat, lesen wir bei der Publizistin und Aktivistin Marina Weisband. Auch die Perspektiven von Menschen mit Behinderung, Migrationsgeschichte und Künstler:innen nimmt der sehr lesenswerte Band auf. Das Beste: Hoffnung lässt sich hier mit den Händen greifen, das macht wach und ist ein Vitalitätsbooster. Sabine Henning
Wie man den Staub von der Hoffnung putzt. Alte Feiertage in neuem Glanz 
von Sabrina Wilkenshof, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2024.

»Kann ich der Hoffnung trauen?« – »Schreib mal auf, was du machen würdest, wenn du keine Angst hättest!« – »Was ist eigentlich wahr an der Geschichte vom Nikolaus?« –»Hier sind Songs, die du am Sonntagabend hören kannst.« Sabrina Wilkenshof gibt nicht nur Impulse für die Oster-, Himmelfahrts- und Pfingstzeit – ihr Buch ist ein Begleiter durch das ganze Kirchenjahr. Die Autorin und Pfarrerin möchte den Staub von den uralten christlichen Festen und Kirchenjahreszeiten putzen, sie der Leserin und dem Leser neu zugänglich machen. Dabei erklärt sie die alten Feste nicht nur, sondern spürt die Emotionen auf, die in ihnen mitschwingen, und bringt sie in Zusammenhang mit Lebensbezügen und -erfahrungen. Mal gibt es nur etwas zu lesen, mal eine praktische Übung, mal eine Anregung, was man an Feiertagen tun und verändern kann. Ein Buch für alle, die es lieben, im Rhythmus des Kirchenjahres zu leben. Und ein Buch, das sich in einem Rutsch lesen lässt oder häppchenweise und das man immer mal wieder zur Hand nehmen kann. Ulrike Berg


UND DANN ...
Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie Ihre Gedanken zum Newsletter-Thema mit uns und anderen Leser:innen teilen möchten, schreiben Sie uns an newsletter@andershandeln.de.

Als Reaktion auf unseren März-Newsletter »Ehrlich währt am wenigsten ...« haben uns zahlreiche Leser:innenbriefe erreicht, von denen wir hier ein Auswahl veröffentlichen.

T. H. schreibt: Zum Punkt, dass es ratsam sei, nicht über jedes Stöckchen zu springen: Ich habe viele Jahre als Erzieher in der stationären Kinder- und Jugendhilfe gearbeitet. Dort gab es immer wieder Kinder und Jugendliche, denen man nachsagte, sie wüssten, welche Knöpfe sie drücken mussten, um Erzieher zu provozieren. Oft genug kam es in pädagogischen Fachgesprächen zu dem Punkt, an dem Ratlosigkeit entstand. Eine Handlungsstrategie war, provokantes Verhalten zu ignorieren – Ziel dieser Strategie ist es, durch ausbleibende Reaktionen zu erreichen, dass es nicht zu einer Verstärkung des erlebten Verhaltens kommt. Die andere Handlungsstrategie sah eine Notwendigkeit darin, auf jeden Fall (möglichst deeskalierend) angemessen zu reagieren (ggf. auch durch paradoxe Interventionen zu irritieren). Diese Strategie basiert auf der Annahme, dass ausbleibende Reaktionen dazu führen, dass es zu einer Steigerung der Provokationen kommt, die letztlich beantwortet werden muss, um die Spirale zu beenden. Beide Strategien können »Erfolge« aufweisen – beide Strategien können aber auch zu frustrierenden Misserfolgen führen. Beide Strategien brauchen ein hohes Maß an gedanklicher Präsenz und Wachheit, um ggf. zeitnah einer Provokation angemessen zu begegnen. 

Julia Winkler: Manchmal kann eine vermeintliche Schwäche auch eine echte Stärke sein. Ich kann nicht lügen. Konnte ich noch nie. Es steht mir sofort in RIESEN-Buchstaben ins Gesicht geschrieben, wenn ich versuche, die Unwahrheit zu sagen. Als Kind hat mich das durchaus gestört. Hier und da wäre die Fähigkeit zur Lüge vielleicht mal ganz nett gewesen. Heute, als Erwachsene, bin ich dankbar dafür. Ich habe früh gelernt, gut mit der Wahrheit und auch mit ihren Konsequenzen umzugehen. Ich spreche auch unangenehme Dinge an, mag Lügen bei anderen Menschen nicht und verhalte mich auch entsprechend. Das hat tatsächlich in erster Linie positive Auswirkungen. Meistens kommen die Menschen mit einer klar ausgesprochenen Wahrheit gut zurecht; viel besser als mit Halbwahrheiten oder Herumgedruckse. Und ich habe nur ehrliche Menschen in meinem Freundeskreis – auch sehr schön!
Natürlich braucht es manchmal Mut. Und natürlich Fingerspitzengefühl und den richtigen Zeitpunkt. Den abzupassen, ist manchmal das Schwierigste dabei. Unangenehme Wahrheiten brauchen Ruhe, Sachlichkeit und möglichst emotionale Zugewandtheit. Augenhöhe. Ohne geht es nicht. Fake News. Tja. Vielleicht liegt es an meiner Abneigung Lügen gegenüber. Und daran, dass ich diese Effekthascherei, dieses Übertriebene, künstlich Aufgebauschte nicht mag. Vielleicht bin ich auch einfach nur im Gestern hängengeblieben. Ich nutze absolut keine Sozialen Medien. Ich wüsste nicht, wofür. Mein Leben ist auch so reichlich gefüllt. Und ich hoffe sehr, dass sich mein Vorbild auch auf meinen Sohn abfärbt. Noch ist er erst sechs Jahre alt, seine Zeit mit den sozialen Medien wird erst noch kommen. Spätestens dann muss auch ich mich damit beschäftigen. Aber vielleicht hilft es ihm, eine Mama zu haben, die am glücklichsten ist, wenn ihr Smartphone weit entfernt einsam am Ladekabel hängt und sich nicht rührt. Das echte Leben findet nämlich analog statt.
 
Bei der Umfrage im März-Newsletter (»Muss in Familien immer die Wahrheit gesagt werden?«) gab es folgende Ergebnisse:
12,5 Prozent: »Ja, sie ist das Fundament. Auch wenn sie manchmal wehtun kann.«
72,4 Prozent: »Grundsätzlich ja, aber behutsam und mit Einfühlungsvermögen.«
12,3 Prozent: »Das sollte man von Fall zu Fall entscheiden.«
2,8 Prozent: »Nein, niemand kann immer die Wahrheit sagen.«
(Teilnehmende: 391)

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Die nächste Ausgabe erscheint am Sonntag, 17. Mai 2026.

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Herausgeber: Andere Zeiten e.V. - Initiativen zum Kirchenjahr 
Vertreten durch den Vorstand: Oliver Spies und Florian Theuerkauff 
Fischers Allee 18, 22763 Hamburg, Deutschland

040 / 47 11 27 57
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Redaktion: Ulrike Berg, Nele Beste, Linda Giering, Sabine Henning, Iris Macke (Gesamtverantwortung), Axel Reimann (Projektleitung), Kirsten Westhuis
Gestaltung: Jennifer van Rooyen
Illustration/Karikatur: Nadine Prange
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