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Newsletter Nr. 54 vom 17. Mai 2026

Auf der Suche – nur nach was? Oder wem?

Liebe Leserin, lieber Leser,

unsere Frage oben lässt sich auf den ersten Blick schnell und intuitiv beantworten: In der realen Welt wird gefühlt meistens nach Handy, Schlüssel und Portemonnaie gesucht. Und in den Suchmaschinen des Internets nach Wetterprognosen, Übersetzungen und Restaurants »in der Nähe von«. 

Das stimmt aber nur so halb. Denn noch häufiger als nach Schlüssel, Handy und Portemonnaie suchen wir tatsächlich nach der besten Route (»Wie komme ich von A nach B?«). Und auch bei den Internet‑Suchen sieht es etwas anders aus, als man denkt: Analysen zeigen, dass vor allem Namen großer Plattformen wie »youtube«, »facebook«, »instagram« und inzwischen auch »chatgpt« ganz oben bei den Suchbegriffen rangieren – wir nutzen eine Suchmaschine also oft einfach als Abkürzung zu anderen »Suchmaschinen«. Als Tür zu anderen Türen, hinter denen wir dann hoffentlich finden, was wir wirklich suchen.

Wem das jetzt alles zu technisch war, hier kommt endlich die existenzielle Übertragung: Könnte es sein, dass wir im Leben auch meistens vor Türen stehen, hinter denen dann die nächsten warten? Und dass sich hinter vielen unserer Suchen am Ende eine einzige Frage verbirgt: Wo geht es für mich weiter?

Jetzt käme in diesem Text eigentlich die Stelle, an der man Gott oder ganz allgemein die große Sinnsuche erwähnen könnte. Man könnte Augustinus von Hippo zitieren (»Ruhelos ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Herr.«) oder gleich mit Jesus kommen: »Ich bin die Tür.« (Johannes 10,9) Und mit dem Verweis auf Autoritäten vermeintlich die große Suche abkürzen. 

Aber so funktioniert das nicht. Das Suchen kann einem keiner abnehmen. Und das Nachschauen, was oder wer hinter der nächsten Tür wartet, auch nicht. Trotzdem sind wir nicht allein unterwegs – wir können nicht nur von dem profitieren, was andere schon gefunden haben, sondern uns auch gegenseitig auf der Suche ermutigen.

Das wollen wir auch mit diesem Newsletter und unserem neuen Themenheft Anders Handeln »Auf der Suche«: Impulse geben, Mut machen, Erfahrungen teilen. Wir freuen uns, wenn Sie dabei mitmachen ...

PS (Und hier noch mal unser Aufruf): Für unser nächstes, im September erscheinendes Themenheft »Übergänge« starten wir eine besondere Leseraktion: Welche Übergangsrituale begleiten Sie?
Wir suchen kurze Beschreibungen Ihrer persönlichen Rituale – kleine Handlungen, vertraute Traditionen oder gestenreiche Momente, die Ihnen helfen, Abschiede, Neuanfänge oder Übergangszeiten zu gestalten. Gern können Sie auch ein eigenes Foto mitschicken.
Senden Sie uns Ihr Ritual an redaktion@andershandeln.de. Eine Auswahl präsentieren wir in Anders Handeln 3/26 ».

SAGEN SIE MAL, HERR SCHREIBER ...

»WENN ES NUR UMS FINDEN GEHT, LÄUFT MAN GEFAHR, DAS EIGENTLICHE ZU VERPASSEN«

Der Essayist Daniel Schreiber über blinde Flecken und den Moment, in dem eine Frage zu sprechen beginnt.

Die Bücher, die Sie schreiben, widmen sich existenziellen, sehr persönlichen Themen: dem Alleinsein, der Trauer, dem Umgang mit Sucht. Woher nehmen Sie den Mut zu dieser radikalen Selbstreflexion?
Daniel Schreiber: Für mich ist es keine Frage des Muts. Ich empfinde ein wirkliches Bedürfnis danach. Meistens habe ich eine bestimmte Frage, die mich nicht loslässt. Und dann fange ich an nachzudenken, zu lesen, zu recherchieren und mit verschiedenen Menschen darüber zu sprechen. 

Fällt Ihnen diese Suche leicht?
Daniel Schreiber: Das Schreiben ist ein Ort, den ich mir häufig immer noch erkämpfen muss. Wir alle wissen, was gerade interessant ist, was die Leute hören wollen. Während der Suche muss ich die Frage nach der Rezeption und dem Publikum ausschalten. Sonst komme ich nicht zu dem, was ich zu sagen habe. Und zugleich weiß ich: Die großen Fragen habe nicht nur ich. Es gibt eine Grundlage des Denkens, des Fragens und des Erlebens, die wir alle teilen.

Woran merken Sie, dass Sie angekommen sind?
Daniel Schreiber: Ich glaube, dass wir häufig dazu tendieren, das Suchen und das Finden zu verwechseln. Oder das Suchen nur unter dem Aspekt des Findens sehen. Dabei ist die Suche häufig viel interessanter. Bei meiner Suche passiert meistens etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Manchmal stelle ich sogar fest, dass die Frage, mit der ich gestartet bin, nicht wirklich die Frage ist, um die es geht. Wenn es nur ums Finden geht, läuft man Gefahr, das Eigentliche zu verpassen. 

Wie fühlt sich das Eigentliche an? 
Daniel Schreiber: Wir alle haben diese Dinge, die wir uns lieber nicht anschauen. Die Teile unserer selbst, denen wir ausweichen. Die Fragen, von denen wir meinen, dass sie uns überfordern würden. Etwa: Ist es wirklich so schlimm, ohne eine romantische Beziehung zu leben? Damit habe ich mich in meinem Buch »Allein« intensiv auseinandergesetzt. Wenn ich an das Eigentliche komme, dann habe ich das Gefühl: Hier klickt etwas. Es ist sehr frustrierend, wenn das nicht eintritt. Aber um schreiben zu können, muss ich an diesen Punkt kommen. 

Gab es auch schon mal Suchen, während derer Sie sich verrannt hatten?
Daniel Schreiber: Ja, die ganze Zeit. Ich hatte schon viele Ideen für Bücher, die die nicht zustande gekommen sind. Weil beim Schreiben, beim Suchen, beim Lesen klar geworden ist: Das ist nicht die richtige Frage für mich im Moment. 

Das ganze Interview mit Daniel Schreiber finden Sie in unserem neuen Themenheft »Auf der Suche«, das Sie hier bestellen können. Die Fragen stellte AZ-Redakteurin Sabine Henning.


FUNDSTÜCK

VERSTECKTE FLÜGEL

Eigentlich sollte das Kruzifix nur ausgebessert werden: Im Jahr 1991 wurde im ehemaligen Schottenkloster St. Jakob in Regensburg ein Kruzifix aus dem 14. Jahrhundert zur Restaurierung abgenommen. Als der Restaurator die Arbeiten an der Christusfigur beginnen wollte, bemerkte er an ihrem Hinterkopf eine grüne Schnur. Durch vorsichtiges Ziehen öffnete sich eine kleine Luke, hinter der sich ein verborgener Hohlraum befand. In diesem Hohlraum lag ein Lederbeutel. Und dieser enthielt ein kunstvoll gearbeitetes Objekt: das heute sogenannte Regensburger Schmetterlingsreliquiar. Einen etwa 3 × 5 Zentimeter großen Schmetterling aus feuervergoldetem Silber in Emailletechnik. Kunsthistorische Untersuchungen datieren das Reliquiar auf das Jahr 1320 und ordnen es dem Künstler zu, der auch das Kruzifix geschaffen hat. Ein Schmetterling, ein Symbol der Auferstehung, im Hinterkopf des Gekreuzigten – was für ein schöner Gedanke: Behaltet Ostern im Hinterkopf – bei allem, was auf euch zukommt! (Foto: Mateus2019, Quelle: Kunstsammlungen des Bistums Regensburg, Public domain, via Wikimedia Commons). Schmetterling Regensburg

DER FALL

DIE WURZELN ERKUNDEN

Ein einziger vergessener Brief stellt die Familiengeschichte einer Frau auf den Kopf. Wie wichtig ist es für unsere Identität zu wissen, wo wir herkommen?

Sonia Rastelli findet mit Anfang 20 einen Brief in der Schublade ihres Opas. Luftpost aus Marokko von 1962, dem Jahr ihrer Geburt. Ihre Mutter schrieb damals an Sonias Opa, dass es ihrem Kind gut gehe und sie mit ihrem Mann viel herumreise. Für Sonia wird beim Lesen dieses Briefes klar: Dieser Mann ist ihr leiblicher Vater. Bis dahin hatte sie sich stets ein wenig als Außenseiterin in der Familie gefühlt, sah mit ihren braunen Haaren und Augen anders aus als ihre Schwester und ihre Mutter. Als Geburtsort stand in Sonias Pass »Rabat«, doch auf Nachfrage hieß es, sie sei auf einem Schiff vor der marokkanischen Küste geboren. Erst mit dem Fund des Briefes entdeckt Sonia einen Teil ihrer Familiengeschichte und ihrer Identität. Sie spricht ihre Mutter darauf an, erfährt von ihrem Vater in Marokko – und macht sich auf die Suche nach ihm. Nach langer Spurensuche und Reise findet sie ihn schließlich. »Er wusste sofort, wer ich bin«, sagt sie und erzählt, wie sehr es sie berührt hat, jemanden zu finden, dem sie ähnlich sieht und zu erfahren, wo sie herkommt. Sie bleibt drei Monate, um das Land, ihren Vater und seine Familie kennenzulernen und fühlt sich heute in beiden Kulturen zu Hause.

Was meinen Sie: Sollte man sich auf die Suche nach gut gehüteten Familiengeheimnissen machen?
ZUR UMFRAGE
Wenn Sie noch weitere Gedanken zu dieser Frage haben, schreiben Sie uns an newsletter@andershandeln.de.
Die Ergebnisse der Umfrage und eine Auswahl von Leser:innen-Reaktionen werden in unserem nächsten Newsletter veröffentlicht. Die ganze Geschichte über Sonia Rastellis Spurensuche lesen Sie in unserem neuen Themenheft.


NACHGESCHAUT

UM GEFUNDEN ZU WERDEN

In der Bibel enden die Suchen oft anders als die Beteiligten erwarten. Und: Selbst Gott wird als ein Suchender vorgestellt.

Schaut man in die Bibel, könnte man meinen, dass es die Suche gibt, seitdem es uns Menschen gibt. Gleich am Anfang fragt Gott: »Adam, wo bist du?« (Gen 3,9) und verlangt damit keine Ortsangabe. Eher eine Anfrage an das ganze Leben. Und auch später wird klar: Gott wird nicht müde zu suchen – und das Suchen selbst bekommt fast etwas Grundsätzliches. Wie bei der Frau mit der verlorenen Münze oder dem Hirten, der einem einzelnen Schaf nachgeht (Lk 15,8–10; Lk 15,3–7). Es sind keine spektakulären Aktionen. Eher eine Erinnerung daran, mit was für einer beharrlichen Angelegenheit wir es beim Suchen zu tun haben. Und doch: So eindeutig, wie es klingt, ist es nicht. Denn die Menschen in diesen Geschichten sind nicht einfach »die Suchenden«, die irgendwann finden. Ihre Wege sind oft tastend, widersprüchlich, manchmal auch ziemlich umständlich. Zachäus zum Beispiel. Auf der Suche nach Jesus klettert er auf einen Baum, um ihn besser zu sehen (Lk 19,1–10). Und am Ende zeigt sich: Er hat zwar gesucht – aber gefunden wird er. Maria Magdalena sucht am Grab nach einem Ort für ihre Trauer (Joh 20,11–18). Sie findet: nichts. Oder zumindest nicht das, was sie erwartet hat. Ähnlich bei den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24,13–35). Sie suchen einen Weg raus aus ihrer Enttäuschung. Dabei merken sie lange nicht, dass sie nicht allein unterwegs sind und schließlich Gemeinschaft im Glauben finden. Erst im Nachhinein fügt sich etwas zusammen. Am radikalsten vielleicht bei Hiob (Hiob 1–42). Seine Suche zielt auf eine Antwort, ein Warum. Er bekommt sie nicht. Stattdessen eine Begegnung, die nicht alles erklärt, aber etwas in ihm anstößt. Und so bleibt am Ende beides stehen: Die Sehnsucht, wie sie in den Psalmen formuliert wird – »Dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir« (Ps 63,2). Und die Erfahrung, dass diese Suche selten geradeaus verläuft. Nele Beste


PRO UND CONTRA

HAT DIE SUCHE SELBST EINEN WERT?

Für manche ist der Weg schon das Ziel, für andere zählt vor allem das Ergebnis. Doch worin liegt eigentlich das Eigentliche: im Ankommen oder im Unterwegssein?

PRO  Erst mit der Suche vertraue ich
Leo Zillmann, AZ-Praktikant: Warte mal, wo sind eigentlich … Meine Kopfhörer zum Beispiel, die suche ich ständig. Morgens, wenn ich eigentlich überhaupt keine Zeit habe, werfen sie alles durcheinander. Das kann doch keinen Wert haben. Je länger ich suche, desto mehr frage ich mich, was ich denn hier überhaupt mache, und ziehe ohne Kopfhörer los. Liegt der Wert also vielleicht gerade im »warte mal«? Im Innehalten, wo ich sonst nur gestresst meinem Alltag folge. Darin, dass mich die Suche nicht unbedingt zu dem führt, was ich erwarte, meinen Kopfhörern, sondern zu dem, was mich erwartet, ohne Kopfhörer: Leben, Mitmenschen und ein Stück weit auch ich selbst. Denn ich kann morgens eigentlich auch ganz gut ohne Kopfhörer.
Anderes Beispiel gefällig? Worum geht es bei der Schnitzeljagd? Wieso bekommen Kinder den Schatz nicht einfach serviert? Dann ginge es doch viel schneller und sie könnten die Zeit für anderes nutzen. Weil es gerade nicht einzig um den Schatz geht. Mal finden sie schnell den nächsten Hinweis, mal einen ganz unerwarteten und mal nichts. Doch irgendwie finden sie einen Weg, werden kreativ, entwickeln neue Techniken, wachsen über sich hinaus und vielleicht auch zusammen, scheitern, aber freuen sich dann umso mehr, doch noch etwas zu finden. Vielleicht sogar noch Wochen später Sägespäne im Wald. All das könnte ein servierter Schatz nicht bieten.
Was ist denn der Wert des Lebens? Schnell zu finden, an Zielen anzukommen? Oder zu suchen, zu laufen? Zu stolpern und lernen, scheitern und meistern, suchen, finden und merken, dass ich doch eh nur weitersuche. Wie weiß ich denn, dass ich nicht gefunden habe, was ich suche, wenn ich mir nur meine Erwartungen servieren lasse? Erst mit der Suche vertraue ich und öffne ich mich doch dem Unerwarteten, der Menschlichkeit, anderen und mir selbst – dem Leben.

CONTRA  Kein Mehrwert, nur zermürbend
Kirsten Westhuis, AZ-Redakteurin: Als erfahrene Pilgerin sollte ich an dieser Stelle vermutlich in das Lied der fröhlich Suchenden einstimmen: »Der Weg ist das Ziel. Natürlich hat das Suchen seinen eigenen Wert.« Aber ich weigere mich! Nicht nur, weil mich das stupide Suchen meines Haustürschlüssels schon viel Lebenszeit gekostet hat, sondern vor allem, weil ich selbst in einer empfindlichen Phase meines Lebens die Erfahrung gemacht habe, dass Suchen auch viel Leid verursachen kann. Ich habe als junge Frau sehr lange nach einem Menschen gesucht, der mich liebt. Diese Suche hatte auch im Rückblick keinen Mehrwert. Sie war einfach nur zermürbend. »Ohne diese Erfahrungen wärst du aber nicht der Mensch, der du heute bist!«, rufen jetzt die Gegenstimmen. Und: »Ist doch alles gut ausgegangen!« Aber, nein, das muss ich entschieden zurückweisen: Ich bin heute nicht WEGEN dieser langen Suche in der Lage, zu lieben und Liebe empfangen zu können, sondern TROTZ dieser schwierigen Zeit. Die aussichtslose Suche nach einem Psychotherapieplatz, die viele Menschen auf sich nehmen müssen, ist für mich direkt der nächste Beleg dafür, dass es in vielen Fällen des Lebens nicht aufs Suchen, sondern auf das Finden ankommt. Jeder Mensch darf seine psychische Gesundheit finden. Und jeder Mensch sollte die fundamentale Erfahrung, geliebt zu sein, in unserer Welt finden können!


BUCHTIPPS

MIT FRAGEN LEBEN  

Jesus Christus und die anderen Söhne Gottes. Eine neue Geschichte des frühen Christentums
von Catherine Nixey, DVA, München 2026.
Ihre Mutter war Nonne, ihr Vater Mönch: Der katholische Glaube wurde Autorin Catherine Nixey quasi in die Wiege gelegt. Aber zugleich lebten ihr die Eltern auch vor, dass man einmal eingeschlagene Bahnen verlassen kann – und nicht nur gedanklich. In ihrem Buch »Ketzer« macht sich die Altphilologin auf die Suche nach dem Jesus, wie er im frühen Christentum gesehen wurde. Sie hat sich in außerbiblische Quellen vertieft, in Evangelien, die es nicht in den Kanon des Neuen Testaments geschafft haben und Werke antiker Autoren wie etwa dem Philosophen Kelsos – einem der bekanntesten »Ketzer«, der im 2. Jahrhundert nach Christus lebte und dessen Kampfschrift »Wahre Lehre« überliefert ist. Nixey, die in Cambridge studierte und heute als Journalistin arbeitet, schreibt kenntnis- und pointenreich. Bei ihr lassen vertraute Vorstellungen von der Einzigartigkeit Jesu ordentlich Federn. Sie macht deutlich, wieviel Machtkalkül etwa im Narrativ steckte, die Figur des Gottessohnes mit bestimmten, zur damaligen Zeit gängigen Fähigkeiten von Gottheiten, auszustatten, etwa der, Menschen zu heilen. Wer ist Jesus für mich? Das kann jeder und jede ausgezeichnet mithilfe der Lektüre von Nixeys Buch prüfen. So ist zu prophezeien, dass die Suche nach dem »wahren« Jesus wohl niemals abgeschlossen sein wird. Sabine Henning
Für immer
von Maja Lunde, btb Verlag, München 2025.
An einem vermeintlich gewöhnlichen Tag Anfang Juni kommt die Zeit zum Stehen. Niemand stirbt mehr, niemand wird mehr geboren. Die neue Ewigkeit verändert das Lebensgefühl der Menschen. Im Buch begleiten wir einige von ihnen in unterschiedlichen Stationen ihres Lebens. Sie alle sind auf der Suche nach einem neuen »Normal«. Während über allem die große Frage steht: Was ist überhaupt passiert? Nele Beste

UND DANN ...
Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie Ihre Gedanken zum Newsletter-Thema mit uns und anderen Leser:innen teilen möchten, schreiben Sie uns an newsletter@andershandeln.de.

Als Reaktion auf unseren April-Newsletter »Was bleibt von Ostern, wenn Ostern vorbei ist?« haben uns zahlreiche Leser:innenbriefe erreicht, von denen wir hier eine Auswahl veröffentlichen.

Christiane Döring schreibt: Ich erlebe in meiner Arbeit als Haushaltsunterstützung in der ambulanten Pflege, welche Lebenskraft (eher unbewusst) Hoffnung für die Patientinnen und Patienten ist. Und wenn es nur die Hoffnung ist, dass es morgen etwas besser geht und sie vielleicht aufstehen können. Sonst wäre manche Lebenssituation ja hoffnungslos – und damit auch sinnlos? Hoffnung als Kraftspenderin für das tägliche Leben, was ja graduell unterschiedlich sehr schwer sein kann. 
 
Bei der Umfrage im April-Newsletter (»Kann Frieden ohne Vergebung funktionieren?«) gab es folgende Ergebnisse:
9,5 Prozent: »Nein. Ohne Vergebung bleibt man immer in der Schuldfrage stecken und kann nicht frei und friedlich denken.«
73,1 Prozent: »Ja, das ist möglich. Vergebung kann ein langer Prozess sein, der nie vollständig abgeschlossen ist. Frieden ist eine Entscheidung, die zu jedem Zeitpunkt getroffen werden kann.«
15,3 Prozent: »Das ist eine Einzelfallentscheidung. Für manche Menschen mag das funktionieren, für andere nicht.«
2,1 Prozent: »Weiß nicht.«
(Teilnehmende: 379)

Leserin Marianne Weigand meint zu dieser Frage: Ja, wenn beide Parteien den Frieden wirklich wollen und nicht mehr Nachkarten. Ich bin der Meinung, dass es keine einseitige Schuld gibt, jedenfalls sind zu 90 Prozent immer beide Parteien irgendwie an der Entstehung von Unfrieden beteiligt. Reset und Neuanfang ist meine Devise, kein Klein-Klein und »Ohne Vorwürfe vergeht die Zeit« sind doch besser als eine endlose Aufarbeitung, die nicht zum Ziel führt.

Doris Streb: Da bin ich mir sehr sicher, dass das möglich ist. Und zwar dann, wenn meine Haltung die ist, dass ich nicht richten möchte, dass ich mich aber von dem Geschehen distanziere. Der Andere (Täter) muss mit seiner Schuld leben und damit, dass er diese Schuld niemals los kriegt, egal wer ihm verzeiht oder nicht. Dem Opfer wurde unendliches Leid zugefügt, man kann lernen mit dem Leid – evtl. dem Verlust zu leben und man kann Frieden mit seinem Schicksal und vielleicht sogar mit dem Schuldigen machen ohne jemals eine Entschuldigung zu erteilen. Denn manche Dinge sind einfach unverzeihlich.

Und eine Leserin, die anonym bleiben möchte, schreibt: Ich verstehe schon den Ausgangspunkt nicht, warum bei Frieden nach Vergebung gefragt wird. Schuld bleibt bestehen, da sich die Gewalt und ihre Folgen nicht ungeschehen machen lassen. Vergebung ist ein Konzept, das Täter:innen nützt, selten denjenigen, die Gewalt erlebt haben. Diese brauchen nämlich Gerechtigkeit, nicht die christlicherseits oft nahegelegte oder gar aufgezwungene Beschäftigung mit der Person, die die Gewalt verübt hat. Frieden und der Wunsch danach und das Eintreten dafür ist etwas ganz anderes.

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Die nächste Ausgabe erscheint am Sonntag, 21. Juni 2026.

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Herausgeber: Andere Zeiten e.V. - Initiativen zum Kirchenjahr 
Vertreten durch den Vorstand: Oliver Spies und Florian Theuerkauff 
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040 / 47 11 27 57
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Redaktion: Ulrike Berg, Nele Beste, Linda Giering, Sabine Henning, Iris Macke (Gesamtverantwortung), Axel Reimann (Projektleitung), Kirsten Westhuis
Gestaltung: Jennifer van Rooyen
Illustration/Karikatur: Sarah Matuszewski
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