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Newsletter Nr. 55 vom 21. Juni 2026
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Wir wollen doch nur spielen ...
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Liebe Leserin, lieber Leser,
auch wenn Sie sich nicht für Fußball interessieren, wird Sie die Nachricht erreicht haben: »Wir« »spielen« wieder – es ist Fußball-WM. Viele lassen sich gern mit hineinnehmen in diese besondere Atmosphäre. Und doch spüren manche dabei auch eine leise Spannung: Was hat das eigentlich alles noch mit »spielen« zu tun?
Weder Fußball-Fans noch WM-Verweiger:innen müssen sich jetzt Sorgen machen: Wir werden in diesem Newsletter kein weiteres Wort über »die schönste Nebensache der Welt« / »die Jagd nach dem runden Leder« verlieren. Es geht uns in dieser Ausgabe wirklich nur ums Spielen.
Ums Spielen im ursprünglichen Sinn. Das braucht keine Kameras und keine großen Bühnen. Echtes Spielen ist erstens freiwillig (also zum Beispiel nicht »wegen der Kinder«), zweitens zweckfrei (also zum Beispiel nicht »um geistig fit zu bleiben«)
und lässt uns drittens für begrenzte Zeit die Zeitmessung vergessen. Es ist Raum der Freiheit und der Möglichkeit, es hat keine Konsequenzen. Und folgt (meist) einer inneren Logik, die für die Mitspielenden während des Spiels wichtiger ist als jedes Naturgesetz oder jede Konvention (siehe unseren ersten Tipp weiter unten in diesem Newsletter).
»Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist«, meinte Friedrich Schiller, »und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Wir wollen Sie mit diesem Newsletter einladen, »ganz Mensch« zu sein und in diesem Sommer Ihre spielerischen Seiten neu kennenzulernen. Lassen Sie sich überraschen – von sich selbst!
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JA, AUCH GEHEN KANN SPASS MACHEN
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 Erwachsene bewegen sich im Alltag vernünftig, ohne Hopser beim Gehen – für Kinder ist meist auch die Fortbewegung ein Spiel. Im Gänsemarsch hopsen sie manchmal über Bänke, Steine und Holzbalken, nur, um auf keinen Fall die roten Steine zu berühren. Auf dem Bürgersteig versuchen sie auf bloß keine Fugen zu kommen und gehen so mal mit kleinen Tippelschritten, mal mit großen Ausfallschritten von Pflasterstein zu Pflasterstein. Wenn sie dann die Straße queren, laufen sie natürlich nur auf den weißen Zebrastreifenstreifen. Und Erwachsene? Manchmal sieht man welche mit Kopfhörern auf den Ohren ein paar Schritte über die Straße tanzen. Aber dann laufen sie meist peinlich berührt wieder »normal« weiter. Irgendetwas ändert sich mit dem Älterwerden. Muss aber nicht! Was wäre, wenn alle gelegentlich tanzend durch die Fußgängerzone liefen? Wenn alle, einfach aus Spielfreude, nur noch über die weißen Zebrastreifenstreifen gingen. Oder dem »The Ministry of Silly Walks« (Ministerium für alberne Gangarten) beitreten. (ein Tipp von AZ-Praktikant Leo Zillmann; Foto-Ausschnitt: Wegmann, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons )
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Erwachsene ins Spiel zu locken scheint schwer: Je älter wir werden, desto verkopfter werden wir auch – und »haben keine Zeit« zum Spielen. Die meisten jedenfalls. Wir investieren viel Energie in Effizienz: Arbeitsprozesse optimieren, Freizeit »sinnvoll nutzen«, selbst Erholung durchplanen. Spielen im ursprünglichen Sinn passt da schlecht in den Tagesablauf: Es bringt nichts, außer die Chance, aus den Notwendigkeiten und Sorgen des Lebens herauszutreten. Aber genau das macht es so wertvoll. Im Spiel entsteht ein geschützter Raum, in dem wir experimentieren dürfen, ohne dass sofort Karriere, Geld oder Image auf dem Spiel stehen. Und, ja, das entlastet nicht nur psychisch, sondern fördert die Kreativität: Wer spielerisch denkt, findet eher ungewöhnliche Lösungen, kann besser um die Ecke denken und bleibt geistig beweglich. Alles wichtig auch für das Leben außerhalb der Spielzeit. (Oje! Da ist sie wieder: Die unsägliche Verzweckung des Spielens, die echtes Spielen schwierig macht…)
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Spielen ist auch ein soziales Versuchslabor, ein oft unterschätztes. Denn beim Spielen begegnen wir anderen anders: Hierarchien treten in den Hintergrund, Stillere können glänzen, Routiniers müssen sich neu einfinden. Gemeinsames Spiel stiftet Nähe, weil man etwas erlebt, statt nur darüber zu reden. Und noch ein Argument für das echte Spielen: In einer Kultur, in der fast alles einem Zweck dienen soll, ist zweckfreies Spiel eine kleine Form von Widerstand. Es erinnert daran, dass Menschen mehr sind als ihre Funktionen. Erwachsene zum Spielen zu ermutigen bedeutet darum nicht, sie »unernst« zu machen oder ihnen blinde Sorglosigkeit zu predigen, sondern ihnen ein Format anzubieten, in dem Entlastung fast nebenbei entsteht.
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LEBENSFREUDE UND VERBUNDENHEIT
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 Karen Köhler: Spielen, Hanser Verlag, Berlin 2025. Karen Köhlers Buch »Spielen« ist nach Angabe der Autorin kein Sachbuch, sondern ein Machbuch. Köhler will dazu animieren, das eigene Leben als Spiel zu betrachten, mit Neugier, Mut und manchmal auch einer Portion Verrücktheit. Die kurzen »Level« des Buches verbinden spielerisch Theorie und Praxis. Ausgehend von persönlichen Erfahrungen und alltagsnahen Beobachtungen darüber, wie unser Gehirn lernt und wahrnimmt, lädt die Autorin dazu ein, leichte Aufgaben umzusetzen. Die spielerischen Anweisungen bringen festgefahrene Routinen durcheinander, eröffnen neue Perspektiven und trainieren Verbundenheit und Lebensfreude. »Spielen« macht Lust, mehr Leichtigkeit in den Alltag zu bringen und das Zitat, das dem Text vorangestellt ist, einzulösen: Nimm das Spielerische ernst. Nimm das Ernsthafte spielerisch.
(Ein Tipp von AZ-Redakteurin Linda Giering)
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Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Und wie soll das konkret gehen – mitten in Terminen, To-do-Listen und Verpflichtungen? Spiel muss dafür nicht groß oder aufwendig sein. Oft reichen ein paar Minuten: eine kleine Runde »Stadt, Land, Fluss« am Küchentisch, ein erfundenes Wortspiel in der Bahn, ein improvisiertes »Ich sehe was, was du nicht siehst« im Wartezimmer, oder ein kleiner Umweg auf dem Heimweg, nur um zu schauen, was es dort zu entdecken gibt. Spielen heißt nicht, ein neues Hobby zu beginnen, sondern im Alltag kleine Momente zuzulassen, in denen nicht der Nutzen, sondern die Freude den Ton angibt.
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Und doch ist das gar nicht so einfach. Viele von uns spüren beim Gedanken ans Spielen eine leise Hemmung: »Das wirkt doch albern«, »Das passt nicht zu mir«, »Ich bin doch eine erwachsene, verantwortungsvolle Person«. Unser innerer Zensor ist oft sehr aufmerksam, wenn es zweckfrei wird. Es kann helfen, diese Stimme bewusst wahrzunehmen – und ihr freundlich zu widersprechen. Niemand muss zum Klassenclown werden. Es genügt, sich selbst die Erlaubnis zu geben, für einen Moment unproduktiv zu sein, unsicher zu sein, vielleicht sogar unbeholfen zu lachen. Genau in dieser kleinen Unsicherheit liegt die Freiheit des Spiels: Wir müssen nicht perfekt sein, wir dürfen ausprobieren.
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EINFACH MAL EINEN ENGEL VERSTECKEN
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 Der Sommer lädt uns ein, die Augen offen zu halten. Für das, was Spaß macht, uns unsere Umgebung von einer neuen Seite zeigt und uns mit anderen Menschen verbindet. Dieses Spiel ist ganz einfach – und gerade deshalb perfekt für die Sommerwochen. Den »Such-mich-Engel« können Sie herunterladen, ausdrucken und zusammenstecken. Dann geht es los: Abwechselnd wird der Engel von einer Person aus Ihrem Haushalt, Kollegen- oder Freundinnenkreis versteckt. Wer ihn findet, ist dann als nächstes mit dem Verstecken dran. (Ein Tipp von AZ-Redakteurin Linda Giering)
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Noch nicht überzeugt, dass wir dem Spielen mehr Raum geben sollten im Leben? Dann kommt hier ein sehr existenzielles Pro-Argument: Im echten Spiel können wir etwas über Gott lernen – und über uns selbst. Wer Glauben versteht als einen Raum, in dem im Vertrauen auf Gott Zwänge gesprengt werden, erkennt eine spannende Parallelität: Auch das Spiel ist ein Raum, in dem das Andere erfahrbar wird. Es eröffnet einen Raum des »als ob«: Ich spiele, als ob ich mich in der »wirklichen« Realität bewege. Ähnlich kann auch der Glaube funktionieren: Ich lebe, als ob am Ende alles einen Sinn ergibt, als ob Gott die Welt hält und als ob die Bergpredigt für mein Leben Relevanz hat. Und dabei muss Spielen gar nicht immer befriedigend sein – das weiß jede und jeder, der bei »Mensch-ärgere-dich-nicht« kurz vor dem Ziel rausgeworfen wird. Wer spielerisch lernt, mit Verlusten umzugehen, kann auch im wirklichen Leben eher mit Konflikten leben und eröffnet sich die Freiheit, neue Wege zu entdecken.
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 Mogel Motte, empfohlen ab 7 Jahre, für 3 bis 5 Spieler:innen, Dauer ca. 30 Minuten. Drei Magier Spiele (Schmidt Spiele), Berlin. Mogel Motte ist ein einfaches Ablagekartenspiel, das in jeden Rucksack passt und sowohl unterwegs als auch zuhause leicht zu spielen ist. Ziel des Spiels ist es, die eigenen Karten so schnell wie möglich loszuwerden. Die Besonderheit dabei: Schummeln ist ausdrücklich erlaubt! Wer eine lila Mogel Motte auf der Hand hat, sollte sie besser schnell und geschickt wegschummeln: in den Ärmel stecken, unter den Tisch fallen lassen, unter die Tischdecke schieben. Der Schummelei sind keine Grenzen gesetzt. Aber Achtung: Ein Spieler ist die Wächter-Wanze und hat die Aufgabe, die Schummler auf frischer Tat zu ertappen! Lustige Aktionskarten wie die Ameise oder die Spinne sorgen dafür, dass das Spiel nicht zu schnell zu Ende geht. Das Spiel ist ein super Stimmungsaufheller, wenn im durchgetakteten Familienalltag mal wieder alle Nerven zum Zerreißen angespannt sind, weil Groß und Klein den ganzen Tag im organisierten und institutionalisierten Alltag Regeln befolgen müssen und wenig eigenen Entscheidungsspielraum haben: endlich mal lügen und betrügen! Wie erfrischend und erleichternd das sein kann – für Kinder und Erwachsene. Und wie lustig, wenn Mama und Papa plötzlich ungeahnte Schummelfähigkeiten beweisen, die Kinder endlich mal ihre Eltern ermahnen dürfen oder ihre Erziehungsberechtigten dermaßen hinters Licht führen, dass alle nur noch darüber lachen können.
(Ein Tipp von AZ-Redakteurin Kirsten Westhuis)
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Ein Vorschlag zum Schluss: Nehmen Sie sich in diesem Sommer (und vielleicht auch danach) einmal am Tag fünf Minuten, in denen nichts »etwas bringen« muss. Spielen Sie ein kurzes Spiel mit jemandem, der Ihnen nahe ist – oder nur mit Ihren eigenen Gedanken. Erfinden Sie eine absurde Geschichte, kritzeln Sie gedankenverloren vor sich hin, pfeifen Sie eine Melodie, die Sie noch gar nicht kennen. Und wenn Sie mögen, schauen Sie am Ende des Sommers zurück: Wo haben Sie gespürt, dass Sie »ganz Mensch« waren? Das ist aber kein Muss ...
Wir wünschen Ihnen einen schönen Sommer – und viele Gelegenheiten, Ihre spielerischen Seiten neu zu entdecken.
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Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie Ihre Gedanken zum Newsletter-Thema mit uns und anderen Leser:innen teilen möchten, schreiben Sie uns an newsletter@andershandeln.de. Bei der Umfrage im Mai-Newsletter (»Sollte man sich auf die Suche nach gut gehüteten Familiengeheimnissen machen?«) gab es folgende Ergebnisse:
59,8 Prozent: »Ja, bei den Suchbewegungen im eigenen Leben sollte die Familiengeschichte an erster Stelle stehen.« 32,9 Prozent: »Ja, aber nur, wenn die Suche mein Leben bereichert. « 1,9 Prozent: »Nein, dabei kann nicht viel Gutes herauskommen. Lieber sollte man nach Dingen oder Informationen suchen, die mehr Freude machen. Ostereier zum Beispiel.« 0,6 Prozent: »Ich finde alle Suchen anstrengend.« 4,7 Prozent: »Weiß nicht.« (Teilnehmende: 316).
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Dieser Newsletter geht jetzt in die Sommerpause. Die nächste Ausgabe erscheint am Sonntag, 20. September 2026.
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Herausgeber: Andere Zeiten e.V. - Initiativen zum Kirchenjahr
Vertreten durch den Vorstand: Oliver Spies und Florian Theuerkauff
Fischers Allee 18, 22763 Hamburg, Deutschland
040 / 47 11 27 57 newsletter@andershandeln.de
Redaktion: Ulrike Berg, Nele Beste, Linda Giering, Sabine Henning, Iris Macke (Gesamtverantwortung), Axel Reimann (Projektleitung), Kirsten Westhuis
Gestaltung: Jennifer van Rooyen Illustration/Karikatur: Nadine Prange
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