Wird diese Nachricht nicht richtig dargestellt, klicken Sie bitte hier.
Ausgabe September 2026
Wichtige Entscheidungen vor der Synodaltagung
Bild Workshop Rat/Kiko/BeFo 03.09. KS
Eine der vier Arbeitsgruppen beim Workshop von Rat, Kirchenkonferenz und BeFo in Kassel. Foto: Frank Hofmann
Liebe Leserinnen und Leser,

im September trafen sich Vertreter*innen aus EKD-Rat, -Kirchenkonferenz und dem Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der EKD und der Diakonie (BeFo) in Kassel, um zu einem tieferen Verständnis der jeweiligen Perspektiven, Arbeitsweisen und Ziele zu kommen. In vier Arbeitsgruppen tauschten sich die Teilnehmenden aus – am Ende stand die positive Bilanz: Hier war echtes Zuhören möglich, so etwas brauchen wir öfter. Wenige Tage zuvor hatte sich die Betroffenengruppe des BeFo mit dem Ausschuss Diakonie in Berlin getroffen. Dort wurde ein ähnliches Fazit gezogen.

In dieser Ausgabe berichten wir über das jüngste Treffen des BeFo, bei dem alle aktuellen Themen zur Sprache kamen, über die Berichte der Unabhängigen Regionalen Aufarbeitungskommissionen (URAKs) und über die Möglichkeiten, Anliegen an die Synode für die Tagung im November zu richten.
aktuelles BeFo-Bild WOB
Das Beteiligungsforum bei seinem jüngsten Treffen in Wolfsburg. Foto: Frank Hofmann
Treffen des Beteiligungsforums
»Betroffene brauchen Infos aus Betroffenensicht«

Drei Themen widmete sich das Beteiligungsforum der EKD und der Diakonie (BeFo) auf seinem zweitägigen Treffen in Wolfsburg im September besonders intensiv: der Zukunft der Vernetzungsplattform BeNe, der Orientierungshilfe für die Anerkennungsleistungen und den ersten Arbeitsberichten der Unabhängigen Regionalen Aufarbeitungskommissionen (URAKs).

Das 2024 gestartete Betroffenen-Netzwerk BeNe war nach einem Hackerangriff im Juli 2026 abgeschaltet worden. Zwei Sicherheitslücken in der Software »WordPress« für die Inhaltsverwaltung ermöglichten automatisierte Angriffe auf alle damit gebauten Webseiten. Auch bei BeNe sind Daten in codierter Form abgeflossen, allerdings erscheint eine Entschlüsselung dieser Daten nach gegenwärtigem Kenntnisstand technisch kaum möglich. Eine forensische Untersuchung läuft und die Sicherheitslücken sind inzwischen geschlossen. In der Diskussion über die Frage, wann und wie BeNe wieder ans Netz geht, herrschte im BeFo schnell Einigkeit: »Betroffene«, so BeFo-Mitglied Matthias Schwarz, »brauchen Infos aus Betroffenensicht.« Wie genau die Informationsseite gestaltet sein soll und welche interaktiven Elemente dort eingebaut werden können, soll nun zeitnah eine vom BeFo beauftragte Task Force »Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der Betroffenen« erarbeiten.

Die Orientierungshilfe, die mit fiktiven Beispielfällen die Arbeit der Anerkennungskommissionen erleichtern soll (siehe Forum-Bulletin 11), war in einer ersten vom BeFo im Februar verabschiedeten Fassung von der Kirchenkonferenz und vom Ausschuss Diakonie im Grundsatz begrüßt worden. Beide Gremien baten aber in einzelnen Punkten um eine Überarbeitung. In den vergangenen Monaten gab es dazu verschiedene Vorschläge, die – so haben es BeFo, Kirchenkonferenz und Ausschuss Diakonie beschlossen – in einem präsentischen Treffen mit Vertreter*innen aus der Betroffenengruppe und der kirchlich Beauftragten im BeFo, Vorsitzenden der Anerkennungskommissionen sowie Mandatierten aus Kirchenkonferenz und Diakonie in eine finale Version gegossen werden soll.

Nachdem acht von neun der in 2025 gegründeten URAKs ihre ersten Arbeitsberichte abgegeben haben – Mitteldeutschland fehlt noch –, zeigt sich ein heterogenes Bild (Übersicht hier): Während einige Verbünde bereits konkrete Projekte initiiert haben, sind andere noch dabei, ihre Arbeitsgrundlagen und Prozesse zu organisieren. Die Fachstellen von EKD und Diakonie wurden vom BeFo gebeten, zusammen mit den Geschäftsstellen der URAKs an Lösungen für die auch aus den Berichten hervorgehenden Herausforderungen zu arbeiten (siehe dazu auch das Interview mit Helmut Perron, dem URAK-Vorsitzenden im Verbund Südwest).

Nachdem Kirchenkonferenz und Ausschuss Diakonie dem Konzept einer Ombudsstelle zugestimmt haben, das das BeFo im Juni verabschiedet hatte (siehe ForuM-Bulletin 12), haben die Fachstellen der EKD und der Diakonie nun mit dem Vergabeverfahren begonnen. Das BeFo schloss sich den vorgestellten Auswahlkriterien an: Gesucht werden Fachberatungsstellen, die nicht in kirchlicher oder diakonischer Trägerschaft arbeiten, möglichst fünf Tage pro Woche erreichbar sind und eine breite Zielgruppe ansprechen.

Abschließend skizzierte die BeFo-Arbeitsgruppe zur Erarbeitung einer neuen Gewaltschutzrichtlinie das weitere Vorgehen zu diesem zentralen Punkt des ForuM-Maßnahmenplans. Die Arbeit an den zentralen Novellierungsinhalten komme gut voran, über den Herbst werde in verschiedensten Gremien Feedback eingeholt, um möglichst viele Perspektiven schon vor dem offiziellen Stellungnahmeverfahren der Landeskirchen im kommenden Jahr aufzunehmen.

Helmut Perron, ehemaliger Präsident des Landgerichts Heidelberg und Vorsitzender der URAK Südwest. Foto: privat

»Die Vergangenheit ist Teil der Gegenwart«

Helmut Perron, ehemaliger Präsident des Landgerichts Heidelberg und Vorsitzender der URAK Südwest, ist bis Ende 2026 zum Gesamtvorsitzenden der URAK-Leitungen gewählt. Wir befragten ihn zu seinen Eindrücken nach Lektüre der URAK-Arbeitsberichte.
 
ForuM-Bulletin: Was ist ihr erstes Fazit zu der bisherigen Arbeit der URAKs vor dem Hintergrund der Jahresberichte?

Perron: Die Konstituierung der URAKs und die vertrauensvolle Zusammenarbeit ihrer Mitglieder war und ist in allen neun Verbünden herausfordernd. Die Beteiligung von Betroffenen in URAKs und Betroffenenvertretungen führt immer wieder vor Augen, dass auch zeitlich lang zurückliegende Geschehen in den Menschen gegenwärtig sind. Sie prägen nicht nur diejenigen, die sich um Aufarbeitung kümmern; diese Vergangenheit ist vielmehr – ob bewusst oder unbewusst – Teil der Gegenwart von Kirche und Diakonie.

Welche verbundübergreifenden Herausforderungen existieren aktuell aus Ihrer Sicht?

Alle Verbünde sind dabei oder haben bereits ihr Arbeitsprogramm für die Zukunft formuliert. Da die Auftraggeber, die Landeskirchen und diakonischen Landesverbände, selbst Aufarbeitung und Prävention als eigene Aufgabe begreifen, definieren die URAKs ihre Arbeit in Begleitung und Abgrenzung zu den innerkirchlichen und innerdiakonischen Bemühungen. Dabei achten sie immer auf ihre Unabhängigkeit.

Was braucht es Ihrer Einschätzung nach für die weitere Arbeit der URAKs?

Zunächst die Offenheit und Unterstützung der Landeskirchen und Landesverbände. Diese sind grundsätzlich vorhanden. Es wird auch in Zukunft immer wieder zu Belastungen der kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führen, den Wünschen und Anfragen der URAKs nachzukommen. Darüber hinaus werden auch weitere finanzielle Mittel erforderlich sein, um externe Aufträge zu vergeben.

Sind konkrete Projekte geplant, die die individuelle Aufarbeitung von betroffenen Menschen unterstützen?

Alle URAKs sind für Betroffene ansprechbar. Wegen konkreter Projekte kann ich nur auf die einzelnen Berichte verweisen.

Die Berichte fallen in Inhalt und Umfang recht unterschiedlich aus. Sehen Sie darin ein Problem für die Vergleichbarkeit?

Man kann derzeit über die in der Gemeinsamen Erklärung formulierten Aufgaben hinaus keinen Gleichklang der URAKs erwarten. Ihre Mitglieder sind unterschiedliche Persönlichkeiten mit verschiedenen Erfahrungen und Fähigkeiten. Auch die Auftraggeber – und ihre jeweilige Zahl – unterscheiden sich stark. Die URAKs tauschen sich zwar aus, sie verstehen sich aber auch untereinander als unabhängige Institutionen. Ein Vergleich und eine Bewertung ihrer Arbeit muss einem späteren Zeitpunkt vorbehalten bleiben.

»Je mehr wir darüber sprechen, desto deutlicher sehen wir, was es ist – und desto leichter wird es, etwas daran zu verändern.«

Schauspielerin Cynthia Erivo bei der Präsentation
des Films »Prima Facie«
Matthias Schwarz von der Betroffenengruppe im BeFo auf der EKD-Synode 2025 in Dresden. Foto: Paul-Philipp Braun/epd
Beteiligungsmöglichkeiten auf der EKD-Synode
An wen kann ich meine Anliegen richten?

Vom 8. bis 11. November tagt die Synode der EKD öffentlich im Congress Centrum Würzburg. Die Veranstaltung kann besucht oder über den Livestream auf ekd.de verfolgt werden. Der Tagesordnungspunkt Umgang mit sexualisierter Gewalt mit dem Bericht des BeFo ist für den 9. November von 11:00 bis 12:30 Uhr vorgesehen.

Wie in anderen ähnlichen Versammlungen auch besteht kein Rederecht für das Publikum. Aber man kann sich mit einem Anliegen, das sich auf die Beratungen der Synode bezieht und im Zuständigkeitsbereich der EKD liegt, in Form einer Eingabe an die Synode wenden.

Interessierte beachten bitte folgende Hinweise:

  1. Eine Eingabe muss klar und eindeutig sein, sich gezielt auf die Beratungen der Synode der EKD beziehen und ein spezifisches Anliegen beinhalten, das im Zuständigkeitsbereich der EKD liegt.
  2. Bitte senden Sie die Eingabe in schriftlicher Form per Post oder per E-Mail an synodeneingabe@ekd.de ausschließlich an die Geschäftsstelle der Synode. Anliegen, die sich an andere zuständige Stellen richten, werden nicht als Eingabe behandelt.
  3. Nennen Sie im Schreiben das Stichwort »Eingabe« und weisen Ihren Namen sowie Ihre Postadresse oder E-Mail-Adresse aus, damit eine Rückmeldung über die Bearbeitung der Eingabe erfolgen kann.
  4. Eingaben, die auf der 7. Tagung der 13. Synode behandelt werden sollen, müssen bis zum 24. Oktober vorliegen. Es zählt der Posteingangsstempel oder das Datum des E-Mail-Eingangs.
  5. Bitte formulieren Sie Ihr Anliegen kurz und deutlich und geben Sie der Eingabe eine Überschrift. Grundsätzliche Kommentare, unspezifische Meinungsbekundungen oder bloße Beschwerden werden nicht als Eingabe behandelt.

Eingaben werden durch das Präsidium der Synode dem fachlich zuständigen Ausschuss der Synode überwiesen. Die Ausschüsse können das Anliegen an andere Stellen in Kirche und Diakonie verweisen, der Synode zur Beratung vorlegen oder eine Weiterbehandlung ablehnen. Gegenstand der Beratung der Synode werden sie nur dann, wenn der Ausschuss sie der Synode zur Beratung vorlegt. Über den weiteren Verlauf wird die Person, welche die Eingabe eingereicht hat, informiert.

Außerdem wird es in Würzburg einen Dialograum für von sexualisierter Gewalt in Kirche und Diakonie betroffene Personen geben: am Montag, 9. November 2026 von 14:00 bis 15:30 Uhr. Der Dialograum wird durch eine externe Person moderiert und von einem Begleitteam unterstützt, an das man sich vor, während und nach der Veranstaltung bei Bedarf wenden kann. Von kirchlicher Seite nehmen Synodale, Mitglieder der Kirchenkonferenz und des Rates sowie Mitarbeitende der Fachstellen teil. Im Foyer des Congress Centrums wird es vom 9. bis 11. November einen Stand des BeFo geben als Anlaufstelle für alle am Thema Interessierten.

Medientipps
 

Wie starte ich eine Recherche zu meinem Fall?

Ratgeber von Forschenden der Universität Hildesheim

Einblick in Dokumente zu erhalten, die für die Aufarbeitung der eigenen Gewalterfahrung wichtig sind, sollte selbstverständlich sein. Doch tatsächlich ist der Weg zur Akteneinsicht oft schwierig zu finden und voller Hindernisse. Abhilfe soll der »Rechercheratgeber für Akten zu sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend« schaffen, den die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs im Juli 2026 zum freien Download auf ihre Seite gestellt hat.

Der von Forschenden der Universität Hildesheim zusammengestellte Ratgeber wendet sich an Betroffene, Angehörige und Interessierte und soll ihnen ermöglichen, eigenständig nach Akten zu recherchieren und diese einzusehen. Eine übersichtliche Gliederung ermöglicht den schnellen Einstieg in den gesuchten Kontext. Häufig auftretende Fragen werden verständlich und informativ beantwortet.

Jessica Wrenzycki, Carolin Oppermann, Wolfgang Schröer: Rechercheratgeber für Akten zu sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend – für Betroffene, Angehörige und Interessierte. Berlin 2026. 99 Seiten. Kostenloses Pdf

 

Abschied von gewohnten Bildern

Analyse der Risikofaktoren in der evangelischen Kirche

Ausgehend von Berichten Betroffener aus der ForuM-Studie und anderen Quellen analysieren die beiden Dozierenden an der Ruhr-Universität Bochum die Risikofaktoren sexualisierter Gewalt in der Kirche, die Strategien der Täter und die Auswirkungen auf die Betroffenen. Die Fakten sind den an der Materie Interessierten zwar weitgehend bekannt, aber die systematische und klare Darstellung zusammen mit der methodischen Verwendung von Michel Foucaults Begriff der »Pastoralmacht« ist erhellend.

Besonders interessant ist das Kapitel, dass sich mit den Konsequenzen für die Kirche, den Pfarrberuf und die Theologie beschäftigt. Darin finden sich klare Forderungen nach Veränderungen: Schluss mit den kirchlichen Selbstbildern von vermeintlicher Gleichheit und familiären Logiken, weg von dem Leitbild der Nähe zu einem der Distanz, Überwindung des Ideals der »Hirtenkunst« zugunsten einer Professionsethik für Pfarrpersonen.

Elis Eichener, Isolde Karle: Pastoralmacht und sexualisierte Gewalt – Dynamiken und Risikofaktoren in der evangelischen Kirche. Bielefeld 2026. 210 Seiten. 39 Euro, Pdf kostenlos

 

Betroffenen in die Augen schauen

Portraitausstellung »Shame – European Stories« in Regensburg
»Ein gutes Portrait erzählt auch immer eine Geschichte«, sagt Ute Leimgruber, Dekanin der Fakultät für Katholische Theologie in Regensburg. Leimgruber hat zusammen mit Betroffenen eine Ausstellung im Foyer der Zentralbibliothek organisiert, die Portraits von Menschen zeigt, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Sie soll zeigen, so Leimgruber, dass nicht nur bestimmte Personengruppen, sondern alle Menschen solche Gewalt erleben können: »Schaut den Leuten ins Gesicht. Es sind nicht die anderen. Es können eure Nachbarn sein.« Die Ausstellung, die von der Guido-Fluri-Stiftung initiiert und vom Verein »UMSTEUERN! Robin Sisterhood« finanziert wurde, kann vom 6. Oktober bis zum 15. März besichtigt werden.
 
 
Wenn Ihnen der Newsletter gefallen hat, empfehlen Sie ihn gerne weiter. Über Kritik, Anregungen und Fragen freuen wir uns!

Das nächste ForuM-Bulletin erscheint voraussichtlich nach der Synodaltagung im November.

Bis dahin, herzlich
Ihr ForuM-Bulletin-Team

Anna-Lena Franke und Frank Hofmann
Foto: Jens Schulze