Was bedeutet Respekt?
Je länger ich Menschen begleiten darf, desto klarer wird meine Antwort.
Für mich hat Respekt nichts mit Gehorsam zu tun. Er bedeutet auch nicht, dass wir immer derselben Meinung sein müssen oder Konflikten aus dem Weg gehen. Respekt beginnt dort, wo wir einem Menschen mit Wertschätzung begegnen, auch wenn wir seine Sichtweise nicht teilen.
In meinem Arbeitsbereich begegnen mir immer wieder Menschen, die auch im Erwachsenenalter noch Themen aus ihrer Kindheit mit sich tragen. Dabei geht es um die unterschiedlichsten Erfahrungen. Manche wurden streng erzogen, andere mit Liebe überhäuft. Dazwischen liegen unzählige Lebensgeschichten.
Im Laufe unserer Gespräche erzählen sie oft, dass sie für sich beschlossen haben, manches anders zu machen als ihre Eltern oder Großeltern. Sie möchten verständnisvoller handeln, ihrem eigenen Kind oder auch dem Partner mit mehr Liebe begegnen und sich bewusst mehr Zeit für offene Gespräche nehmen. Manches Mal öffnen sich dabei wahre Wunder für den Menschen, der erkennt, dass Zeit und ehrliche Gespräche oft viel wertvoller sind als viele andere Dinge.
Es ist etwas ganz Wertvolles, wenn wir beginnen, in Generationen zu denken. Denn wir dürfen aus unseren eigenen Erfahrungen lernen. Gleichzeitig dürfen wir auch verstehen, welche Erfahrungen unsere Eltern und Großeltern geprägt haben. Wir wissen aus Erzählungen, wie es ihnen gegangen ist, und wir wissen aus unserem eigenen Leben, was uns selbst geprägt hat.
Manchmal entsteht aus dem Wunsch, manches besser oder zumindest anders machen zu wollen, etwas, das wir gar nicht beabsichtigt haben.
Wir möchten die Menschen, die wir lieben, so behandeln, wie wir selbst als Kinder oder junge Erwachsene gerne behandelt worden wären. Dazu gehört oft der Wunsch, ihnen Schwierigkeiten zu ersparen oder sie vor Enttäuschungen zu schützen. Obwohl wir wissen, dass das nicht immer möglich und auch nicht immer sinnvoll ist.
Trotzdem springen wir ein, bevor sie scheitern. Hindernisse räumen wir aus dem Weg, weil wir glauben zu wissen, wie es leichter geht. Auch Aufgaben, die andere längst selbst bewältigen könnten, übernehmen wir, weil sie uns leichtfallen.
In solchen Situationen wird jedoch etwas Entscheidendes vergessen.
Unsere Aufgabe als Partner, Eltern oder Großeltern ist nicht, unseren Liebsten jedes unangenehme Erlebnis abzunehmen. Wir haben die Aufgabe, sie so zu begleiten, dass sie lernen, mit dem Leben umzugehen.
Dazu gehören viele Dinge. Grenzen kennenzulernen. Verantwortung zu übernehmen. Zu erleben, dass Handlungen Konsequenzen haben können – in welche Richtung auch immer.
Ein sehr wichtiger Aspekt dabei ist für mich der Respekt.
Respekt ist ein wunderbares Wort. Viele glauben, Respekt bedeute, dass man nicht alles sagen darf, was man denkt. Andere verbinden ihn damit, sich zurückzunehmen und den anderen einfach so zu lassen, wie er ist.
Für mich bedeutet Respekt etwas anderes.
Respekt bedeutet, dass jeder seine Meinung sagen darf. Dass diese Meinung gehört werden darf. Und dass dieses Recht jedem Menschen zusteht – nicht nur dem, der spricht, sondern auch dem, der zuhört und darauf antwortet.
Die eigene Meinung ist auf beiden Seiten wichtig. Der Respekt zeigt sich jedoch darin, wie diese Meinung geäußert wird.
Er zeigt sich in der Wertschätzung. Er zeigt sich darin, dass Eltern, Partner und Kinder als Menschen gesehen werden, die Anerkennung verdienen.
Für mich gibt es keine Fehler. Für mich gibt es Erfahrungen.
In meiner Sprache zeigt sich Respekt deshalb darin, dass ein Mensch gerade in seinen erfahrungsreichen Momenten Wertschätzung erfährt. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir von Partnern, Eltern, Kindern oder Enkelkindern sprechen.
Mein Respekt zeigt dem anderen Menschen, dass er nicht vollkommen sein muss, um anerkannt zu werden. Dass seine Situationen, seine Gedanken und seine Themen ihren Platz haben dürfen. Dass über alles gesprochen werden kann.
Genau das ist für mich eines der wichtigsten Geschenke, die wir unseren Liebsten machen können.
Jeder Mensch, der uns begegnet, hat seine eigenen Herausforderungen. Er darf sie annehmen, ohne beleidigt, missachtet oder würdelos behandelt zu werden.
Gerade für Kinder und junge Menschen ist das von großer Bedeutung. Was sie in jungen Jahren lernen, trägt meist deutlich weniger weitreichende Konsequenzen als vieles, was ihnen später im Erwachsenenleben begegnet.
Sie dürfen erfahren, dass das Leben nicht immer bequem ist. Gleichzeitig dürfen sie spüren, dass sie die Kraft besitzen, ihren eigenen Weg zu gehen.
Und genauso dürfen auch sie uns als Eltern oder Partner mit Respekt begegnen.
Vielleicht ist genau das das größte Geschenk, das wir einander machen können.
Nicht ein Leben ohne Hindernisse.
Sondern das Vertrauen, dass jeder Mensch über diese Hindernisse hinauswachsen kann.
Herzlichst
