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NEWSLETTER 6/2024:
Vielfalt als Glücksfall für Deutschland

Im Geschäftlichen Umfeld ist Vielfalt unter dem Stichwort Diversity mit den Dimensionen Alter, Geschlecht, Nationalität etc. in den letzten Jahren sehr viel diskutiert worden. Hier soll es daneben mehr um Vielfalt in einem breiten Sinne gehen. Gerade Deutschland hat aus historischen, wirtschaftlichen und geografischen Gesichtspunkten hier sehr viel zu bieten.

Aus vielen Studien ist bekannt, dass gemischte Teams erfolgreicher als homogene Arbeitsgruppen agieren und für das Unternehmen bessere Entscheidungen treffen. Indem verschiedene Perspektiven, Erfahrungen und Fähigkeiten einbezogen werden, können Risiken und Chancen objektiver bewertet und komplexe Probleme effektiver gelöst werden. Daneben wird durch die Vielfältigkeit das Innovationspotenzial des Unter-nehmens gesteigert und zur Arbeitgeberattraktivität, Fachkräftesicherung und verbesserten Kunden-orientierung beigetragen. Hier nur eine Zahl aus einer aktuellen Studie: Europäische Unternehmen mit gemischten Führungsteams habe eine um 62% höhere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein (McKinsey, 07.03.2024).

Betrachten wir aber mal andere Dimensionen von Vielfalt und beginnen mit der Geographie und der Natur. Aufgrund des gemäßigten Klimas in der Mitte Europas, von westlichen Stürmen an Küsten weit-gehend verschont und mit der prägenden Kraft der Gletscher v.a. im Alpenvorland ist in Deutschland eine einzigartige Landschaftsvielfalt entstanden. Trotz der relativ kleinen Fläche von 358.000 Quadratkilometern wurden über die Jahre hinweg verschiedenste Ökosysteme und Landschaftsformen hervorgebracht.

Im Norden die Ost- und Nordsee mit dem Welt-naturerbe Wattenmeer und der norddeutschen Tiefebene mit vielen Seen, Mooren und Heideflächen. Dann die 44 Mittelgebirge die aufgrund der enormen geologischen Vielfalt sehr unterschiedlichen Charakter haben. Bis zum Alpenvorland samt Hochgebirge mit wieder ganz anderer Flora und Fauna. Nicht umsonst sind in Deutschland fast 1/3 aller bekannten Tier- und Pflanzenarten Europas beheimatet (goClimate.de, 2024). Diese verschiedenen Natur- und Landschafts-räume tragen nicht zuletzt zu den bunten kulturellen und regionalen Identitäten bei.

Damit sind wir beim zweiten großen Thema der kulturellen Vielfalt. Die Bedeutung Deutschlands in der europäischen Musik, Kunst und Literatur brauche ich nicht weiter auszuführen. Auch im Bereich der Bildung ist Deutschland mit 428 Hochschulen von der Anzahl führend in Europa. Hier mal eher andere Kategorien: In Deutschland gibt es 51 Weltkulturerbestätten, davon sind nur 25 klassische Baudenkmäler wie Schlösser, Kirchen oder Stadtensembles. Vieles andere sind Industriedenkmäler, historische bzw. religiöse Stätten oder Architekturensembles. Schon bemerkenswert, dass Deutschland damit auf Platz 3 der weltweit meisten Kulturdenkmäler knapp hinter Italien und China rangiert. 

Einen Spitzenplatz nimmt Deutschland auch ein, wenn es um die Vielfältigkeit der Küchen in Restaurants geht. Aus einer Studie des National Bureau of Economic, Cambridge aus dem Jahr 2019 geht hervor, dass rein deutsche Küche nur in 34% aller Lokale in Deutschland serviert wird, 16% sind italienische Restaurants und 5% chinesische. Insgesamt sind 10 verschiedene aus-ländische Küchenarten vertreten, deren Anteil jeweils mindestens 2% an hiesigen Restaurants beträgt.

Das hat natürlich auch mit den vielen Einwanderern und Gastarbeitern zu Zeiten des deutschen Wirt-schaftswunders zu tun. Womit wir bei der Wirtschaft sind. Besonders auffallend an der deutschen Wirt-schaftsstruktur ist, dass es verstreut über das Land mehrere sehr bedeutende Wirtschaftszentren gibt (Rhein-Ruhr, Rhein-Main, Stuttgart, Hamburg, Berlin und München). In diesen sechs Ballungsräumen arbeiten über ein Drittel aller abhängig Beschäftigen (Destatis, 2024). Daneben sind 56% aller Arbeit-nehmer in kleinen und mittleren Unternehmen tätig (KMU-Definition bis 249 Beschäftigte, bis 50 Mio. Umsatz).

Neben der reinen Beobachtung ist natürlich die Frage interessant, woher diese Vielfältigkeit in Deutschland kommt. Hierzu ein paar unwissenschaftliche Gedanken von mir. Im frühen Mittelalter gab es im heutigen Deutschland sehr viel verschiedene Stammesverbände (Alamannen, Langobarden, Goten, Franken, Sachsen, Angeln, …). Hiervon zeugen zumindest heute noch die vielfältigen Dialekte und regionalen Besonderheiten in Deutschland.

Im späteren Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation wurde es dann noch viel bunter. Schätzungs-weise gingen 300 souveräne ‚Staaten‘ aus dem Westfälischen Frieden 1648 hervor. Die vielen Regionalfürsten achteten genau darauf, dass der Kaiser nicht zu mächtig wurde. Trotz aller Kleinteiligkeit und mannigfaltiger Zölle zwischen den Gebieten war das eine für die Kultur und den wirtschaftlichen Austausch durchaus fruchtbare Konkurrenz. Hierdurch wurde auch das für Deutschland typische Tüftlertum und der Erfindungsreichtum gefördert.

Aufgrund des Flickenteppichs und der vielen Nachbarn (heute grenzt Deutschland an mehr Staaten als alle anderen europäischen Länder) waren die Kaufleute auf einen regen Austausch über die eigenen Grenzen hinaus angewiesen und organisierten sich z.B. in Wirtschaftsverbänden wie der Hanse. Hiervon kommt sicher die hohe Außenhandelsaktivität, die Deutschland heute noch auszeichnet. Aber auch die Skepsis gegenüber zentralistischen Tendenzen. Es dauerte lange bis so etwas wie ein Nationalstaat entstehen konnte, allerdings immer nur mit stark föderalistischer Ausprägung.

Hier stellt sich natürlich die Frage ob die Vielfältigkeit und der gesunde Wettbewerb von regionalen Strukturen untereinander die Nachteile des Föderalismus aufwiegen. Hierauf kann ich natürlich auch keine abschließende Antwort geben. Aber eine Beobachtung kann ich beisteuern. Wenn man sich die ausgeprägt föderalistischen Staaten wie die USA, Schweiz, Kanada, Australien und Deutschland anschaut, so erscheinen diese doch in wirtschaftlicher Hinsicht erfolgreich zu sein. Insbesondere die USA als klassisches Einwanderungsland und als Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Herkünfte sticht hier heraus. Aus der Vielfalt ist hier eine große wirtschaft-liche Macht entstanden, trotz oder wegen der hohen Autonomie der 50 Bundesstaaten? 

Etwas bedarf es auf jeden Fall um aus einem regionalen bzw. föderalem Staatenverbund eine erfolgreiche Einheit zu formen: Einer gemeinsamen Idee, Wertevorstellung sowie allgemein geläufiger Kommunikations- und Tauschmittel. In den USA war es zumindest mal der Freiheitsgedanke, die einheitliche Sprache und vor allem der Dollar, der den wirt-schaftlichen Erfolg erst möglich gemacht hat. Die

Deutschen haben sich mit der politischen Einigung lange schwergetan. Erst ein gemeinsamer Feind (Frankreich) und dann die Erfahrung der kollektiven Katastrophe (Weimarer Republik und 2. Weltkrieg) haben dazu geführt, dass eine seit fast siebzig Jahren stabile föderale Demokratie entstehen konnte. Die DM war da sicher eine der entscheidenden Gründe für die Entstehung eines neuen Einheitsbewusstseins.

Nicht verwunderlich, dass sich die Deutschen mit der Einführung des Euro schwergetan haben. Ob diese Klammer in Europa reicht, um nationale Egoismen nachhaltig zu überwinden muss sich erst noch zeigen. Für Deutschland gibt die starke Regionalität und Vielfalt aber Hoffnung, dass Lösungen für die vielfältigen Zukunftsprobleme gefunden werden und dass uns das dynamische, kreative und offene gesellschaftliche Klima erhalten bleibt.

 
In aller Kürze:
  • Vielfalt wird in Unternehmen und Teams heute klar als Vorteil gesehen, da durch die verschiedenen Perspektiven, Erfahrungen und Fähigkeiten bessere Entscheidungen getroffen werden können. Europäische Unternehmen mit gemischten Führungsteams habe eine um 62% höhere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein.

  • Deutschland zeichnet eine einzigartige Landschaftsvielfalt auf relativ kleinem Raum aus. Bei uns sind fast 1/3 aller bekannten Tier- und Pflanzenarten Europas beheimatet. Die verschiedenen Natur- und Landschaftsräume tragen nicht zuletzt zu den bunten kulturellen und regionalen Identitäten bei.

  • Neben dem außerordentlichen Beitrag zur europäischen Musik, Kunst und Literatur ist schon bemerkenswert, dass Deutschland mit 51 Weltkulturerbestätten auf Platz 3 der weltweit meisten Kulturdenkmäler knapp hinter Italien und China rangiert. Mehr profan: Deutschland nimmt bei der Vielfältigkeit der Küchen in Restaurants den weltweiten Spitzenplatz ein.

  • Die deutsche Wirtschaftsstruktur ist vor allem durch die große Bedeutung des Mittelstands und der Tatsache geprägt, dass es mehrere sehr bedeutende Wirtschaftsregionen gibt, in denen über ein Drittel aller abhängig Beschäftigen arbeiten, statt eines Zentrums.

  • Dies alles hat sicher auch viel mit der Geschichte Deutschlands zu tun, das aus zahlreichen germanischen Stämmen und einer enorm hohen Anzahl regionaler Kleinstaaten entstanden ist. Die hohe Bedeutung des wirtschaftlichen Austauschs, des Erfindungsreichtums aber auch der kulturellen Vielfalt kommt sicher da her.

  • Aber auch die Absage an zu viel zentraler Macht und der Föderalismus rührt daher. Trotz aller Nachteile halte ich dies für das Erfolgsrezept Deutschlands, aus der Vielfalt am besten die zahlreichen Zukunftsprobleme lösen zu können. Die USA war zumindest bisher als Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Herkünfte mit einer noch ausgeprägteren Autonomie der Bundesstaaten ein gutes Vorbild.
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