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NEWSLETTER 7/2024:
Engpassberufe: Die Marktwirtschaft funktioniert im Pflege- und Gesundheitsbereich

Der Fachkräftemangel in Deutschland ist in aller Munde. Engpässe bestehen vor allem in den Pflege- und Gesundheitsberufen, im Bau und Handwerk und in den IT-Berufen, aber auch bei Berufskraftfahrern/-innen und Erziehern/-innen. Wie sieht es in diesen Engpassberufen mit der Entlohnung aus: Steigt diese überdurchschnittlich wie es die ökonomische Logik verlangen würde?

Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung prognostiziert, dass wir im Jahr 2035 in Deutschland sieben Millionen Fachkräfte zu wenig haben werden. Die Bundesanstalt für Arbeit veröffentlicht jährlich eine Fachkräfteengpassanalyse mit der detaillierten Betrachtung der verschiedenen Ausbildungsgrade. Demnach fehlen Fachkräfte im Jahr 2023 v.a. in den Pflege- und Gesundheitsberufen und im Handwerk. Relativ neu hinzugekommen sind hier auch das Hotel- und Gaststättengewerbe und fehlende Busfahrer/-innen.

Bei den Spezialisten/innen (Meister/Bachelor-Niveau) bestehen die größten Engpässe bei Erzieher/-innen, Berufen in der Therapie und Pflege sowie technischen Berufen z.B. im IT-Bereich und in der Bauplanung. Und im Experten-bereich herrscht Mangel an Sozialpädagogen/-innen, im Bauwesen, in der Pharmazie und der Softwareentwicklung. Besonders schmerzhaft, da system- und unternehmenskritisch, ist der Mangel im IT-Sektor. Der Bitkom-Verband spricht von einem Rekord Fach-kräftemangel und führt 149.000 unbesetzte IT-Jobs im Jahr 2023 an.

Generell gehen im MINT-Bereich die Zahl der Studierenden zurück.

Neben der Bezahlung, den schwierigen Bedingungen in einigen Berufen wie der Pflege oder den unattraktiven Arbeitszeiten z.B. in der Gastronomie, spielt beim
hohen Fachkräftemangel in Deutschland aber auch die Teilzeitbeschäftigung ein Rolle. Die Wochenarbeitszeit aller Erwerbstätigen betrug im Jahr 2023 hierzulande durchschnittlich 35,1 Stunden, der EU-Durchschnitt liegt bei 37,4 Stunden. Wir haben die dritthöchste Teilzeitquote in der EU mit 28,5% (EU-Durchschnitt 17,1%, Quelle: Destatis).

Ein weiterer Aspekt ist das immer höher werdende Eintrittsalter in die Berufstätigkeit. Mitte der 2000er Jahre absolvierten rund 45 Prozent der 20- bis 24-Jährigen eine Ausbildung, ein Studium oder ein vergleichbares Bildungsprogramm. Rund zehn Jahre später waren es bereits 54 Prozent. Und die Relation hat sich stark zu Studierenden mit 2,9 Mio. im Jahr 2023 zu nur noch 1,2 Mio. Auszubildenden verschoben.

Was ich hier genauer behandeln will ist die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Engpassberufen und der Entlohnung, bzw. ob sich hier in den letzten Jahren schon etwas getan hat. Zum Einstieg eine Übersicht über die aktuellen Verdienstmöglichkeiten in den verschiedenen Branchen. Demnach lag der durchschnittliche Bruttoverdienst einer Vollzeitkraft im Jahr 2023 im Bereich der Finanz- und Versicherungs-dienstleistungen mit 5.841 Euro monatlich am höchsten. Darauf folgen mit 5.769 Euro monatlich die Branchen Information und Kommunikation, in die sicher schon einige der oben genannten IT-Engpassstellen fallen. Genauso verdienen Freiberufler im technischen Dienstleistungsbereich recht gut, die z.B. in der Bauplanung ja gesucht sind. Auch das Durchschnittsgehalt im Bereich Erziehung und Unterricht ist mit 4.733 Euro noch überdurchschnittlich.

 

In diesen Bereichen scheint es also zu passen, dass in Engpassberufen gut bezahlt werden muss, um Beschäftigte anzulocken. Am anderen Ende der Gehaltsskala sieht es aber anders aus: Gerade in den Branchen mit den niedrigsten Verdiensten wie im Gastgewerbe (2.860 Euro monatlich), bei Verkehr und Lagerei (3.571 Euro) und dem Baugewerbe (3.597 Euro) wird wenig bezahlt, trotz Mangel. Hier muss natürlich auch das benötigte eher geringere Aus-bildungslevel in diesen Berufen gesehen werden. Und viele Deutsche sind wohl nicht mehr bereit diese Tätigkeiten zu übernehmnen.   

Der mittlere Bruttoverdienst im Bereich Gesundheits- und Sozialwesen liegt mit 4.272 Euro nur knapp unter dem Schnitt über die Gesamtwirtschaft mit 4.323 Euro monatlich. Hier herrscht ja der größte Engpass an Fachkräften auch bei Spezialisten und Experten. Die letzteren ziehen den Durchschnittsverdienst sicher im Gegensatz zu anderen o.a. Branchen nach oben. Hochqualifizierte sind auch eher bereit, für eine besser bezahlte Stelle innerhalb von Deutschland umzu-ziehen.

An dieser Stelle ist noch eine andere Unterscheidung interessant: Welche Berufe (immer noch) von Frauen bevorzugt ergriffen werden und welche von Männern. Den höchsten Anteil von im Schnitt über 80% haben Frauen im Bereich der Erziehung und im Gesund-heitsbereich. Pauschal zu den schlecht bezahlten Stellen kann man diese Tätigkeiten nach obigen Zahlen nicht rechnen. Anders sieht es dagegen im Hotel- und Gaststättengewerbe sowie bei Dienst-leistungstätigkeiten wie Friseure, Verkaufsberufe etc. aus. Hier liegt der Frauenanteil bei 60-70%. Berufe in 

denen Frauen überrepräsentiert sind und die gut bezahlt bzw. Bewerber gesucht werden sind z.B. im Finanzdienstleistungsbereich, in der Steuerberatung und bei lehrenden/ausbildenden Berufen.

Auch bei M
ännern gibt es im Niedriglohnsegmenten Branchen, in denen sie stark überrepräsentiert sind wie z.B. im Bereich Verkehr/Logistik mit einem Männeranteil von 73%, im Sicherheitsgewerbe (74%), bei Köchen (78%) oder in Bauberufen (96%). Auf der anderen Seite arbeiten deutlich mehr Männer als Frauen in Berufen wie der IT-Technik (82%), in Architektur/Bauplanung (70%) und im naturwissen-schaftlichen Bereich (62%), die gefragt und gut bezahlt werden.

Schauen wir uns gezielt die Entwicklung in den Pflege- und Gesundheitsberufen an, in denen der größte Mangel herrscht. Über alle Ausbildungsberufe hinweg verdienen die Mitarbeiter in der Kranken- und Altenpflege heute mit 4 T€ Brutto im Monat mittlerweile überdurchschnittlich (Entgeltstatistik der Bundesanstalt für Arbeit). In diesem Bereich der Facharbeiter liegen sie an der Gehaltsspitze aller Gesundheits-, Pflege-, Erziehungs- und sozialen Berufe. Nur Facharbeiter wie Bankkaufleute, in der IT und Bauplanung sowie im Berg- und Tiefbau ver-dienen mehr als Kranken- bzw. Altenpfleger/-innen. Dieses Ranking hat sich allerdings erst in den letzten Jahren so ergeben: In der Gesundheitsbranche und Krankenpflege insgesamt sind die Gehälter gegenüber 2015 um 28% gestiegen, in der Altenpflege sogar um 53%. Über alle Branchen haben sich die Facharbeiter-Gehälter in diesem Zeitraum nur um 23% erhöht.

Die Lohnentwicklung zeigt, dass die Pflegeberufe nicht nur aufgeholt haben, sondern inzwischen sogar überdurchschnittliche Vergütungen bieten. Einen großen Anteil an dieser Entwicklung haben bewusste rechtliche Änderungen aus dem Jahr 2022 wie die Erhöhung des Mindestentgelts in der Pflege und die Regelungen zur Tarifanwendung für Pflegeein-richtungen.

Insgesamt über alle Engpassberufe hinweg sind die Gehälter auf Facharbeiter-Ebene um 30% gestiegen (z.B. bei Köchen +36%, bei der Kindererziehung +20%, in der Sozialpädagogik +22%). In der Vergleichsgruppe der Nicht-Engpassberufe betrugen die Bruttolohnerhöhungen nur 18%. Hier scheint die Marktwirtschaft also zu funktionieren: Die hohe Nachfrage in den Engpassberufen kann nur durch höhere Preise = Löhne bedient werden.

Hat sich dies aber auch schon mengenmäßig nieder-geschlagen? Die Anzahl der Beschäftigten in der Pflege ist in der Tat seit 2018 um 8,3% gestiegen. Auch beim Männeranteil tut sich hier was. Betrug dieser in der Vergangenheit um die 18% in den Pflegeberufen so sind es im Jahrgang 2023 bereits 27% die mit ihrer Ausbildung zum Pflegefachmann starten. Auch im Bereich der frühkindlichen Erziehung hat sich der Männeranteil von 2012 bis heute verdoppelt, allerdings auch erst auf 8,3%.

Beim Durchschnittsgehalt von 3.494 Euro für Fach-kräfte im Erziehungsbereich besteht da auch noch einiger Nachholbedarf, um mehr Anreize zu schaffen. Die Bedingungen in der Pflege, dem Sozial- und Erziehungsbereich werden aber nach wie vor der großen Bedeutung für unsere Gesellschaft noch nicht ausreichend gerecht.

In aller Kürze:
  • Gemäß der Fachkräfteengpassanalyse der Bundesanstalt für Arbeit fehlen derzeit Fachkräfte v.a. in den Pflege- und Gesundheitsberufen und im Handwerk. Relativ neu hinzugekommen sind hier Engpässe im Hotel- und Gaststättengewerbe und bei Busfahrer/-innen. Im Spezialistenbereich bestehen die größten Engpässe bei Erzieher/-innen, Berufen in der Therapie und Pflege sowie vor allem in technischen Berufen wie im IT-Sektor.

  • In einigen Branchen scheint der Zusammenhang zwischen Engpassberufen und der (höheren) Entlohnung auch zu passen. So werden im Bereich Information und Kommunikation im Schnitt mit die besten Löhne bezahlt. Auch ist das Durchschnittsgehalt im Bereich Erziehung und Unterricht überdurchschnittlich. Am anderen Ende der Gehaltsskala sieht es aber anders aus: Gerade in den Branchen mit den niedrigsten Verdiensten wie im Gastgewerbe, bei Verkehr und Lagerei und dem Baugewerbe wird wenig bezahlt, trotz Mangel.
  • Der Bereich Gesundheits- und Sozialwesen liegt vom Gehaltslevel nur knapp unter dem Schnitt über die Gesamtwirtschaft. Hier hat sich in den letzten Jahren aber auch einiges getan: In der Gesundheitsbranche und Krankenpflege insgesamt sind die Gehälter gegenüber 2015 um 28% gestiegen, In der Altenpflege sogar um 53%. Über alle Branchen haben sich die Facharbeiter-Gehälter in diesem Zeitraum nur um 23% erhöht. Mitarbeiter in der Kranken- und Altenpflege erhalten mittlerweile überdurchschnittliche Vergütungen. 

  • Die Marktwirtschaft funktioniert in diesem Bereich: Die Anzahl der Beschäftigenten in der Pflege ist seit 2018 um 8,3% gestiegen. Auch beim Männeranteil tut sich hier was, der in der Vergangenheit um die 18% betrug. Im Jahr 2023 waren es bereits 27% die mit ihrer Ausbildung zum Pflegefachmann starteten. Die Bedingungen in der Pflege, dem Sozial- und Erziehungsbereich werden aber nach wie vor der großen Bedeutung für unsere Gesellschaft noch nicht ausreichend gerecht.  
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