Alle mussten sie bei mir durch, durch mein kleines Bro fast ganz am Ende des langen Korridors in der Personalabteilung. Es ist ein bisschen dunkel bei mir. Irgendwo musste man einen Platz fr den Schrank mit den Akten finden; die Handwerker haben den Schrank vor das Flurfenster gestellt. Ich schaue sowieso nicht oft aus dem Fenster, es interessiert mich nicht, was da drauen vor sich geht.
Wie dem auch sei, das alles interessiert mich jetzt nicht mehr, seitdem mein Bro nur noch von mir und ihnen besucht wird. Nach dem hellen, freundlichen Teil der Personalabteilung, kommen sie alle auch zu mir. Bin ich hier richtig? Natrlich sind sie hier richtig, bei mir ist jeder richtig! Erst einmal muss er an mir vorbei. An mir und meinen Fragen.
Ich fhre Statistik, verwalte die Sozialstruktur, so heit das Fachwort in meinem Beruf. Jeder, der glaubt, einzigartig zu sein, wird erst einmal bei mir durchgeschleust. Fr mich ist niemand etwas Besonderes, nichts und niemand. Ich kenne keine Individualitt, oder was immer sie auch dafr halten mgen. Meine Fragen sind khl und sachlich, ich trage die Antworten in meine Karteikarten ein und sortiere sie alphabetisch in meinem Kasten. ber zehntausend Karten habe ich schon sortiert, ber zehntausend habe ich auf das reduziert, was sie wirklich sind. Name, Vorname, Geburtsdatum, Adresse, Geburtsort, Staatsangehrigkeit, Berufsbezeichnung, krperliche Merkmale. Wer glaubt, jetzt schon wieder besser oder mehr als alle anderen zu sein, den reduziere ich in seiner Berufsbezeichnung und seinen krperlichen Merkmalen auf einige Zahlen. Mein eigenes Kennzahlensystem schafft es immer wieder, fast hnliche Karten zu erzeugen. Sogar die Namen lassen sich noch zu Initialen reduzieren, so dass ich schon fast viertausend hnliche Karten habe. Fast alle wohnen sie in der gleichen Stadt, wenn nicht, dann wohnen sie im gleichen Bundesland. Unterschiede im Straennamen kann man ausmerzen, indem man sie entweder auf dem Land oder in der Stadt wohnen lsst. Das verringert die fast eineinhalbtausend Straen unserer Stadt auf zwei Mglichkeiten. Niemand ist etwas Besonderes.
Mittlerweile gehe ich nicht einmal mehr mittags essen, weil ich im Bro sitze und begonnen habe, die alten Karten mit einem neuen Erfassungssystem umzundern. Ich verliere an Gewicht in letzter Zeit, aber bei meinem Beruf ist natrlich Aufopferung an der Tagesordnung.
Und dabei, whrend ich also in meiner Mittagspause arbeite, hre ich von drauen, wie das Bro ein paar Zimmerchen weiter bezogen wird. Hell und freundlich ist es dort auf dem Flur, das macht mir Sorgen, weil man dann mein eigenes Zimmerchen gar nicht mehr sieht. Ich rufe schnell an. Jemand meldet sich mit Personalabteilung, Statistik. Noch bevor er seinen Namen nennen kann, der mir noch in meiner Liste fehlt, weil er nicht an mir vorbeigekommen ist, lege ich auf. Statistik ist mein Gebiet, die lassen sich auch immer was Neues einfallen, die da oben, die in meiner Kartei so wie alle sind. 
Und meinen Fragebogen hat er auch nicht ausgefllt. Ich meine, wenn ich mich sehr beeile und die Reduktion noch schaffe, dann brauche ich auch keine Antworten mehr, dann kann ich jeden einordnen, ohne mich auch nur mit seinen lcherlichen Absichten und Wahnvorstellungen abgegeben zu haben. Ich knnte ihn heimlich einordnen in meine Kartei, die ins Unermessliche wachsen knnte. Alle wrde ich sie kriegen, einfach alle!
Wenige Tage spter schiebt die Werkspost mir einen Brief unter der Tr durch, der das Datum von vor zehn Tagen trgt. Mittlerweile ist der Flur scheinbar wirklich sehr dunkel geworden. In dem Umschlag steckt ein Formular der Statistikabteilung ein paar Tren weiter. 
So etwas flle ich nicht aus. Er liegt jetzt zerrissen in meinem Mlleimer, der auch mal wieder geleert werden msste. Mein Mittagessen von zu Hause ist wieder kalt geworden, ich habe noch so viel Arbeit.